Sportmediziner Braumann rät: Nur nicht schonen

Experte spricht sich für die Heilkraft der Bewegung aus

Der erste Instinkt bei Gelenkschmerzen ist meistens: Bloß nicht bewegen, damit es nicht noch mehr weh tut! Warum genau das falsch sein kann, erklärt Sportmediziner Prof. Klaus-Michael Braumann von der Uni Hamburg.

Hamburger Abendblatt:

Als Sportmediziner plädieren Sie für die Heilkraft der Bewegung. Gilt das auch für Arthrosepatienten, die unter akuten Gelenkschmerzen leiden?

Prof. Klaus-Michael Braumann:

Das Problem ist: Wenn man Schmerzen hat, dann schont man sich, hält die Gelenke ruhig, reduziert die Bewegung und nimmt eine Schonhaltung ein. Macht man dies sehr lange, dann kann es zu einem Abbau der Muskulatur kommen. Die spielt aber eine entscheidende Rolle für die Stabilität des Gelenkes. Es entsteht ein Teufelskreis.

Können Sie diesen genauer erklären?

Braumann:

Die Muskeln, beispielsweise am Knie, stützen die Gelenke während der Bewegung und schützen dadurch die Gelenkflächen, auf denen der Knorpel sitzt. Wenn man sich mit dieser abgeschlafften Muskulatur belastet, kommt es schnell zu einer übermäßigen Beanspruchung des Gelenks, weil die muskuläre Stabilisierung reduziert ist. Die Gelenkflächen reiben dann noch mehr aufeinander, es kommt zu einer weiteren Abnutzung des Knorpels, dann zu noch mehr Schmerzen und noch mehr Schonung. Bei einer Hüftarthrose kommen die Schmerzen oftmals weniger von den Gelenken selbst, sondern eher durch muskuläre Verspannungen, die durch die mangelnde Bewegung entstehen.

Was kann man tun, um diesen Teufelskreis zu durchbrechen?

Braumann:

Gut wäre es, in einer schmerzfreien Phase ein gezieltes Aufbautraining zu machen und damit die gelenkumschließenden Muskeln zu kräftigen. Dabei sollte man sich von Physiotherapeuten helfen lassen. Diese können Patienten auch zeigen, wie sie sich richtig belasten und welche Bewegungen gut für sie sind.

Was können Betroffene im Alltag ohne großen Aufwand tun?

Braumann:

Es kommt natürlich darauf an, wie gravierend die Arthrose ist. Bewegung ist vor allem auch als Vorbeugung vor Gelenkverschleiß gut für die Gelenke. Meine Lieblingsübung für starke Knie ist: einbeinige Kniebeugen beim Zähneputzen. Außerdem sollten Betroffene auf ihr Gewicht achten: Übergewicht geht auf die Gelenke, und auch das richtige Training wird schwieriger.

Welche Sportarten eignen sich auch für Menschen mit Arthrose, um die Gelenke fit zu halten?

Braumann:

Alle Übungen, die eine muskuläre Kräftigung bewirken, ohne dass dabei die arthrotischen Gelenke zu stark belastet werden, sind empfehlenswert. Fahrradfahren ist zum Beispiel eine wunderbare Möglichkeit zum Training der Oberschenkelmuskulatur. Dazu können aber auch gymnastische Übungen zur Kräftigung der Gesäßmuskulatur durchgeführt werden.

In Deutschland wird derzeit darüber diskutiert, ob zu viele Endoprothesen an Knie und Hüften eingesetzt werden. Wie stehen Sie dazu?

Braumann:

Es gibt viele Fälle, da kommt man sicherlich nicht umhin, ein Gelenk zu ersetzen; dafür ist die Endoprothetik eine segensreiche Erfindung. Andererseits sehen wir viele Patienten, bei denen man durch Kräftigung der Muskeln und Training eine Operation deutlich hinauszögern kann. Aber auch auf die Argumente der Chirurgen muss man hören. Etwa wenn sie sagen, dass ein stark übergewichtiger und immobiler Mensch gar nicht richtig trainieren kann - und eine Prothese überhaupt erst wieder die Voraussetzung für Bewegung schafft.

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