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Europa

James Lovelock, der einstige Grüne Vordenker, ist überzeugt: Nur die Kernenergie kann kurzfristig helfen

Warum die Erde Fieber bekommen hat. . .

Seine Thesen provozieren: Der 87 Jahre alte britische Forscher und Querdenker sagt den Niedergang der Welt voraus. "Sie ist so krank, dass sie sich selbst nicht mehr heilen kann."

London. Versuchen Sie über das Chaos hinwegzusehen", entschuldigt sich James Lovelock, als er die Tür zu seiner umgebauten Mühle in der südbritischen Grafschaft Devon öffnet. Auf allen Tischen und Stühlen liegen stapelweise Bücher und Schriftstücke, in Regalen türmen sich wissenschaftliche Instrumente und Computerequipment. "Im Januar hatten wir hier einen schweren Sturm, einen richtigen Wolkenbruch, bei dem unser kleiner Fluss über die Ufer getreten ist. Das Wasser in unserem Haus stand bestimmt 30 Zentimeter hoch." Er lacht, als er sich im Arbeitszimmer an seinen Schreibtisch setzt. "Da wären wir doch gleich beim Thema, der Klimakatastrophe."

James Lovelock ist seit 1974 Fellow der ehrenwerten Royal Society, hat eine Reihe von Forschungspreisen gewonnen und zählt zu den 100 wichtigsten globalen Denkern der Welt. Seine Gaia-Theorie, 1979 bei einem Spaziergang in Wiltshire von Lovelocks Freund William Golding nach der griechischen Göttin Gaia benannt, wurde anfangs von Forscherkollegen als New-Age-Hokuspokus belächelt. Doch die These, nach der die Erde seit über drei Milliarden Jahren all ihre Regelkreise zu Land, zu Wasser und in der Luft stets so steuert, dass sie das Leben erhält - so, als wäre sie selbst eine Art lebendiger Organismus -, war nicht nur eines der Fundamente der Öko-Bewegung. Sie ist auch Basis der sogenannten Erdwissenschaften.

Der Mensch hat Gaia schlecht behandelt, sagt Lovelock. "Wir haben Schadstoffe in die Luft gepumpt, durch Landwirtschaft Ökosysteme zerstört. Und nach Jahrhunderten der Ausbeutung zahlen wir nun den Preis: Gaia leidet an Fieber; sie ist so krank, dass sie sich nicht mehr selbst heilen kann." Gaia sei eine fürsorgliche Mutter, aber grausam denen gegenüber, die die Regeln nicht einhielten. "Nun droht sie uns mit der äußersten Strafe, dem Aussterben."

Lovelocks Prognose für das 21. Jahrhundert ist düster. Die Klimakatastrophe hat längst begonnen und ist nicht mehr aufzuhalten. Bis 2050 ist die arktische Eiskappe geschmolzen, bis zum Ende des Jahrhunderts der letzte Regenwald abgeholzt und die Temperatur um acht Grad angestiegen. Ganze Länder werden unter Wasserfluten verschwinden, weil der Meeresspiegel drastisch ansteigt. Um das Jahr 2100 werden vielleicht nur noch eine halbe Milliarde Menschen existieren. Kein Forscher, Politiker, kein umweltfreundlicher Grünen-Wähler könne die Katastrophe verhindern, verkündet Lovelock in seinem neuen Buch "Gaias Rache: Warum die Erde sich wehrt" (List-Verlag, 256 Seiten, 18 Euro, jetzt im Handel). Nur mithilfe der Kernenergie könne sie ein wenig hinausgezögert werden. Der Mensch, rät der britische Provokateur, solle schleunigst den geordneten Rückzug antreten, solange er noch die Energie und Zeit habe, die Zivilisation am Leben zu erhalten.

"Ich will nicht sagen, dass es keine Hoffnung mehr gibt", sagt Lovelock, der gut gelaunt an seinem Schreibtisch mit Blick auf das idyllische Devon sitzt und eine Tasse Kakao schlürft - serviert von seiner sehr viel jüngeren Frau Sandy, mit der er ein verliebtes Lächeln tauscht. "Meine Botschaft ist, dass die bequeme Welt, die wir kennen, in rasendem Tempo verschwindet und bald nicht mehr existiert. Doch das bedeutet nicht, dass alles vorbei ist. Es heißt, dass wir uns mit den Teilen der Welt begnügen müssen, die noch bewohnbar sind, und das Beste daraus machen."

James Lovelock ist 87 Jahre alt. Ist er insgeheim froh, selbst dieser Zukunft zu entgehen? "Ich habe neun Enkel", entgegnet er, immer noch fein lächelnd. Inseln wie Großbritannien werden der schlimmsten Hitze entkommen, auch in den Alpen werde es annehmbar bleiben, beschwichtigt der Apokalyptiker. "Das Arktische Becken wird zu begehrenswertem Grundbesitz", sagt er und schmunzelt: "Vielleicht sollte man jetzt in Aktien holländischer Dammbaufirmen investieren. Die werden in Europa alle Hände voll zu tun haben."

Erneuerbare Energien hält der einstige grüne Vordenker für "verrückte Träume der Grünen". Wind- oder Solarenergie könnten den Weltbedarf nie auch nur annähernd decken. Doch die sichere Versorgung mit Elektrizität habe für das Fortbestehen unserer Zivilisation absolute Priorität: "Stell dir eine Großstadt ohne Elektrizität vor. Innerhalb von drei Wochen wäre es wie in Darfour." Die Kernenergie sieht Lovelock wie ein Pflaster für Gaia, die nach seinen Berechnungen in Menschenjahren 80 ist, also nicht mehr die Jüngste. "Sie ist nicht nur emissionsfrei, sondern auch die sicherste aller Energiequellen und verursacht kaum Müll. Überhaupt - für alles andere bleibt einfach keine Zeit."

Aber was ist mit den Risiken, wie sie ein zweites Tschernobyl auslösen würde? "Ach, da wurde doch gnadenlos übertrieben", winkt er ab. Es habe bei dem Super-GAU 1986 höchstens ein paar Tausend Tote gegeben. "Statistiken beweisen, dass die Sterberate zum Beispiel im Bergbau weitaus größer ist." Verglichen mit den 30 000 Menschen, die im Sommer 2003 an den Folgen der Hitze gestorben sind, sei ein Atomunfall ein kleines Opfer. "Fast ein Drittel der Menschheit wird ohnehin an Krebs sterben; hauptsächlich, weil wir Luft atmen, die das allgegenwärtige Karzinogen Sauerstoff enthält." Hollywood und die Grünen hätten der Kernkraft einen schlechten Ruf verschafft. "Die Menschen verwechselten Atomkraft mit Atombomben."

Er lacht spitzbübisch: "Gaia würde erleichtert aufatmen, wenn die Menschheit durch einen Atomkrieg ausstirbt. Ihr macht Strahlung nichts aus. Sie würde sich sagen: Das war ein miserables Experiment". Dennoch sei es tragisch für Gaia, den Menschen zu verlieren: "Durch unsere Augen konnte sie erstmals ihre eigene Schönheit sehen." Zumindest einen Funken Hoffnung lässt Lovelock: Mit den Mitteln der Technik, sagt er, könne die Menschheit die Katastrophe erträglicher machen. Er schlägt im All positionierte Sonnenschirme vor, die Abkühlung bringen, oder Wasserpartikelgeneratoren, die Sonnenlicht reflektierende Wolken über dem Meer erzeugen. Der Abkühlungseffekt großer Vulkanausbrüche könne imitiert werden, indem Flugzeugtreibstoff mit kleinen Mengen Schwefel versetzt wird. So könnten Schwefel-Aerosole in die Stratosphäre eingebracht werden. Auch die Deutschen könnten zum Überleben der Zivilisation beitragen - zum Beispiel durch die Herstellung synthetischer Lebensmittel: "Auf dem Gebiet der Nahrungsmittelchemie seid ihr doch die Vorreiter." So könnte Gaia mehr Land überlassen werden, ohne Ökosysteme zu gefährden.

Trotz seiner düsteren Vorhersagen sieht sich Lovelock als Optimisten: "Ich finde es schrecklich, dass mich junge Leute heutzutage fragen, ob es noch Hoffnung gibt", sagt er. "Natürlich gibt es Hoffnung. Im Augenblick warten wir, wie damals in den Dreißigerjahren, als allen klar war, dass ein Krieg ausbrechen würde und keiner wusste, was man dagegen tun konnte. In dem Moment, als es losging, wussten wir, dass die Aussichten düster waren, aber es gab ein wunderbares Gefühl von Lebenszweck. Wenn der Klimawandel schlimm wird, wird es aufregend."

Er hüpft vom Stuhl, als sei ihm eine Sprungfeder eingebaut, und führt seine Erfindungen vor: "Dies hat eine Umweltrevolution ausgelöst", sagt er und zeigt auf ein kleines silbernes Instrument. Es ist seine bekannteste Erfindung - ein hypersensibles Messgerät, mit dem er in den 70er-Jahren das ozonfressende FCKW in der Atmosphäre nachwies.

Lovelock hat vor mehr als 40 Jahren den Schritt in die Selbstständigkeit gewagt - er entwickelte Messinstrumente, die die US-Weltraumbehörde Nasa auf den Mars schickte, tüftelte für den britischen Geheimdienst MI5 an einem Gerät, das wie ein Spürhund funktioniert. "Wie du siehst", sagt er und lehnt sich lächelnd in seinem Stuhl zurück, "ich habe ein wundervolles Leben gehabt." Zurzeit schreibt er eine Fortsetzung von Gaias' Rache. Arbeitstitel: Krokodilstränen. Er lächelt: "Eine Anspielung auf das letzte Event vor 55 Millionen Jahren, als das Leben in die Arktis auswanderte und Krokodile im 23 Grad warmen Wasser schwammen - ein Szenario, das nun wieder auf den Menschen zukommt."

 

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