Hubschrauber-Abschuss schockt Russland
114 TOTE. Tschetschenen trafen Moskaus Armee ins Herz. Helikopter total überladen.
Moskau/Grosny. Einen Tag nach dem Absturz eines russischen Militärhubschraubers in Tschetschenien mit vermutlich 114 Toten haben Ermittler unweit des Aufschlagsortes einen tragbaren Raketenwerfer vom Typ "Strela" (Pfeil) gefunden. Damit verdichten sich die Hinweise, dass der Helikopter von tschetschenischen Rebellen abgeschossen wurde. Das russische Militär hatte dies zuvor kategorisch ausgeschlossen. Präsident Wladimir Putin entsandte eine Untersuchungsdelegation mit Verteidigungsminister Sergej Iwanow und Generalstaatsanwalt Wladimir Ustinow an der Spitze zum Unglücksort. Es muss ein kurzer Knall an der rechten Bordwand gewesen sein, dann leuchtete vor den Augen des Hubschrauberpiloten Oleg Batanow im Display das Wort "Poshar", "Feuer", auf. Vom Boden beobachteten Augenzeugen, wie der Helikopter des Typs MI-26, eine brennende Fackel, sich einige Kilometer weiterschleppte, dicht an Wohnhäusern vor der russischen Militärbasis Chankala vorbeischrammte und in einem Minenfeld zerschellte. 114 Menschen starben, 39 liegen noch schwer verletzt im Hospital. Dieselben Augenzeugen wollten Sekunden vor der Katastrophe den Feuerstreif einer "Strela" gesehen haben, die die MI-26 voll erwischte. Damit hätten die Rebellen die russische Armee ins Herz getroffen. Das Militär hatte zuvor verbreitet, offenbar habe einer der alten 11 000 PS starken Motoren Feuer gefangen. Die Basis Chankala in der Ebene vor der Hauptstadt Grosny gilt als Herzland der Streitkräfte - mit Minenfeldern und Stacheldraht abgesichert, aus der Luft mit Hubschraubern und Kampffliegern geschützt. Auf der zynischen Rebellen-Website www.kavkaz.org wurde der Tod der "russischen Okkupanten" bejubelt. Eine dreiköpfige Terroreinheit habe den Hubschrauber "mit den Aggressoren an Bord" ins Visier genommen. 156 Soldaten und Offiziere befanden sich an Bord der "Kuh", wie der riesige Transporthubschrauber MI-26, der stärkste der Welt, wegen seiner Unbeweglichkeit genannt wird. Damit war die Passagierzahl ums Doppelte überschritten. Derartige Verletzungen der Sicherheitsvorschriften sind bei den Streitkräften die Regel. Die "Komsomolskaja Prawda" schrieb, die russischen Hubschrauber in Tschetschenien seien derart altersschwach, dass jeder, der mit ihnen fliege, ein Todeskandidat sei. Russland steht wieder unter Schock. Fast auf den Tag genau vor zwei Jahren hatten die Streitkräfte ähnlich viele Menschen verloren: Damals sank das Atom-U-Boot "Kursk" mit 118 Mann. Nun rückt für viele Russen der vergessene Tschetschenienkrieg erneut ins Blickfeld. Die beruhigenden Worte von Präsident Putin, der das "Ende der Militäroperation" herbeigeredet hatte und nur noch vom "Wiederaufbau des friedlichen Lebens in Tschetschenien" sprach, waren mehr Wunsch denn Wirklichkeit. Putin muss zwar mangels Konkurrenz nicht um seine Wiederwahl 2004 fürchten. Ein militärisches Desaster im Kaukasus und noch ein Massenbegräbnis könnten jedoch seiner Popularität schwer schaden. (SAD/HA)












