"Der Euro ist eine Erfolgsgeschichte"
Interview: Wirtschaftsexperte Straubhaar hält die Debatte über ein Scheitern der Währungsunion für "völlig absurd".
Hamburg. ABENDBLATT: Was halten Sie von der Debatte über ein Scheitern der Währungsunion?
THOMAS STRAUBHAAR: Ich halte die Diskussion für völlig absurd.
ABENDBLATT: Wer hat ein Interesse, den Euro herunterzureden?
STRAUBHAAR: Es könnte die Politik sein, die von ihren eigenen Versäumnissen ablenken möchte. Insbesondere Deutschland, Frankreich und Italien haben innenpolitisch noch viele Hausaufgaben zu erledigen. Die Schuld auf den Euro zu schieben, dient nur als Ablenkungsmanöver. Es könnten aber auch privatwirtschaftliche Interessen von Gruppierungen dahinterstecken, die am Finanzmarkt auf hochspekulative Anlagen setzen und mit dem Streuen von Gerüchten dem Wechselkurs einen ihnen genehmen Dreh geben wollen.
ABENDBLATT: Was passiert, wenn der Euro abgeschafft würde?
STRAUBHAAR: Noch mal: Ich halte dieses Szenario für völlig undenkbar. Für Deutschland hätte dies desaströse makroökonomische Folgen.
ABENDBLATT: Konkret?
STRAUBHAAR: Eine Währungsumstellung würde Milliarden verschlingen. Schlimmer aber wäre ein enormer Vertrauensverlust auf den internationalen Kapitalmärkten und bei der Bevölkerung. Eine Abschaffung des Euro ist vertraglich nicht möglich. Zudem gibt es auch keinen Grund, die Währungsunion derzeit aufzulösen, da der Euro seine Aufgabe, die Preisstabilität zu sichern, voll erfüllt.
ABENDBLATT: Andererseits haben sich die Deutschen nicht gerade gerne von ihrer D-Mark getrennt.
STRAUBHAAR: Das kann ich zwar verstehen. Doch es heißt nicht im Gegenzug, daß man sich über alle Verträge hinwegsetzen kann.
ABENDBLATT: Viele halten den Euro zudem für einen "Teuro".
STRAUBHAAR: Der Euro ist kein Teuro. Dies ist ein Vorurteil. Seit Einführung des Euro ist die Inflation deutlich geringer gestiegen als im Durchschnitt zu D-Mark-Zeiten. Viele Preise sind gesunken. Sicher gab es in der Gastronomie und bei Dienstleistern, die nicht im internationalen Wettbewerb stehen, Preiserhöhungen. Aber viele dieser Geschäftsleute mußten dies bitterböse bezahlen, da die Kunden wegblieben.
ABENDBLATT: Inwieweit schaden das Nein Frankreichs und der Niederlande dem Euro?
STRAUBHAAR: Es trägt zur Unsicherheit bei, wie es mit Europa weitergehen wird. Vielleicht war es im Vorgriff auch ein Grund dafür, daß der Euro seit Jahresbeginn an Wert verloren hat. Andererseits gehören solche Wechselkursschwankungen auch zum Markt und sind nichts besorgniserregendes. Die Wirtschaftsdaten, die den teuren Euro vor einem halben Jahr noch zum Schrecken der Exporteure gemacht haben, sind gleich geblieben. Nur die Prognosen sehen für Europa heute schlechter aus als für die USA.
ABENDBLATT: Welche Vorteile bringt der Euro?
STRAUBHAAR: Der Euro hilft im Wirtschaftsraum Europa noch stärker die Vorteile von Freihandel, Freizügigkeit und Preistransparenz zu nutzen - ohne kostentreibende Wechselkursverluste. Dies kommt vorrangig Deutschland zugute, das mehr als die Hälfte seiner Exporte in Europa absetzt. Dank des großen Binnenmarktes ist Europa für die internationalen Finanzmärkte attraktiver. Der Euro ist heute neben dem Dollar zur Welt- und Reservewährung geworden. Dies war mit der D-Mark bei weitem nicht der Fall. Heute kann international mit dem Euro bezahlt werden, was den internationalen Handel verbilligt. Davon profitiert insbesondere eine Handelsstadt wie Hamburg.
ABENDBLATT: Aber hat Deutschland nicht die einheitliche Zinspolitik der Europäischen Zentralbank (EZB) eher geschadet?
STRAUBHAAR: Deutschland hat kein Zinsproblem. Die Unternehmen investieren nicht wegen der Zinsen so wenig, die zudem vergleichsweise niedrig sind, sondern weil sie durch die Politik verunsichert sind und ihnen Vertrauen fehlt. Deutschland profitiert vielmehr davon, daß andere Euro-Länder heute Kredite zu günstigeren Zinsen erhalten. Dies führt dazu, daß von dem Geld mehr Waren in Deutschland gekauft werden und damit hierzulande die Konjunktur über den Export angetrieben wird. Klar ist aber, daß die Politik nicht mehr mit einer maßgeschneiderten Geldpolitik ihre Fehler ausmerzen kann. Politik muß heute an die Strukturen heran - zum Beispiel den Arbeitsmarkt flexibler gestalten.
ABENDBLATT: Bringt der Euro sonstige Nachteile?
STRAUBHAAR: Wenn die EZB eine falsche Politik betreiben würde, was sie bislang nicht macht, sitzen alle Mitgliedsländer im gleichen Boot. Gleichzeitig muß man aber wissen: Mit Geldpolitik allein läßt sich kein langfristiges Wachstum generieren, dies geht nur mit Strukturpolitik.
ABENDBLATT: Überwiegen die Nachteile oder die Vorteile?
STRAUBHAAR: Der Euro ist eine Erfolgsgeschichte.




Branchenbuch Hamburg
100. Geburtstag
Axel Springer




Abendblatt auf Facebook

Das Rätsel des Tages



