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Europa

Experte: So nah war der GAU

Atom-Störfall: Die 23 dramatischen Minuten von Forsmark. Was geschah wirklich am 25. Juli in dem schwedischen Kernreaktor? Im Abendblatt behauptet der frühere Planungschef: Nur Glück verhinderte eine Katastrophe.

Hamburg/Stockholm. Im Turbinengebäude trat Dampf aus, die Sprinkleranlage setzte ein, Sirenen heulten: Der Störfall in dem schwedischen Kernkraftwerk Forsmark I bei Stockholm (wir berichteten) lief offenbar weit dramatischer ab als bislang öffentlich bekannt.

Zwei Wochen nach den Geschehnissen erhebt der frühere Chef der Konstruktionsabteilung des Reaktors, Lars-Olov Höglund, im Abendblatt schwere Vorwürfe.

Im Zeitraum zwischen dem Stromausfall im Kraftwerk und dem Start der Notstromdiesel, so Höglund, habe unter den Mitarbeitern Panik geherrscht. "Es war die schlimmste Situation seit Tschernobyl und Harriburg. Wir waren furchtbar nahe an einer richtig gefährlichen Situation." Eine Kernschmelze und damit der GAU (größter anzunehmender Unfall) seien nur knapp vermieden worden.

Der frühere Vattenfall-Mitarbeiter hatte nach eigenen Angaben Einsicht in die offiziellen Unterlagen über den Störfall: "Je mehr ich darüber lese, umso schwerwiegender stufe ich die Sache ein", so Höglund zum Abendblatt. "Vattenfall sagt zwar zu Recht, dass alles gut ausgegangen ist. Aber das war reines Glück!" Nach Höglunds Schilderung spielte sich im Kontrollraum des Meilers Forsmark I am 25. Juli ein 23 Minuten dauerndes Drama ab. "Durch Arbeiten am Hochspannungsnetz in der Nähe des Reaktors kam es zu einem Kurzschluss, der die Stromversorgung des Kraftwerks von außen lahmlegte. Doch anders als vorgesehen lieferten weder die für so einen Fall eingebauten Batteriesysteme Strom, noch sprangen die Notstrom-Dieselaggregate an", sagt Höglund.

Nach seiner Aussage gibt es in schwedischen Atomkraftwerken zwei Sicherungssysteme, die bei Stromausfall greifen sollen: "Zum einen vier voneinander unabhängige Batteriesysteme, die jeweils 50 Prozent der für das Kraftwerk benötigten Leistung liefern. Und unabhängig davon noch einmal vier Dieselgeneratoren, die wiederum jeweils 50 Prozent der notwendigen Leistung bringen. Theoretisch reicht also die Leistung von zwei der insgesamt acht Möglichkeiten, das gesamte Kraftwerk mit Strom zu versorgen."

"Diese Eigenvorsorge ist eine Konstruktionsvoraussetzung bei Kernkraftwerken. Üblicherweise springen diese Systeme automatisch an. Aber nicht in diesem Fall. Keines der Systeme sprang an. Das ist sehr ungewöhnlich und darf nicht passieren", sagt Höglund. Dieser Fehler war unbekannt und deshalb auch ungeübt. "Die sieben Leute im Kontrollraum wussten einfach nicht, wie sie darauf reagieren sollten, und wurden panisch."

 

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