Dienstag, 14. Februar 2012, 11:28

Abendblatt als Startseite | Aboservice | E-Paper

www.abendblatt.de

  • E-Mail
  • Singles
  • Branchenbuch
  • Jobs Hamburg
  • Immobilien Hamburg
  • Kleinanzeigen
  • Trauer
  • Rechner
  • Ticket kaufen

Europa

Plötzlich gellte ein Schrei durch die Kirche

Frere Roger: Trauer und Entsetzen über den Mord am Taize-Gründer. NDR-Reporterin Cordula Henne schildert, wie sie zufällig das Attentat auf Frère Roger miterlebte.

DIJON. Es war ein Bild, das sich tief einprägte: Frère Roger, der alte Mann von Taize, aus dessen Gesicht trotz seiner 90 Jahre soviel Freude, Kraft und Warmherzigkeit gestrahlt hatte, wird von seinen Brüdern aus der Kirche getragen. Leichenblaß, mit Blutflecken auf dem weißen Gewand.

Kurz vorher gellte ein Schrei durch die riesige Kirche, wie ich ihn noch nie gehört hatte - der durchdringende, vollkommen irre klingende Schrei einer Frau. Und danach leisere Schreie von anderen Stimmen, von den vielen Jugendlichen, die die furchtbare Tat mitangesehen hatten. Wer, wie ich, weiter entfernt vom Geschehen in der Kirche von Taize saß, konnte nicht erkennen, was passiert war. Wir sahen nur dieses Bild: den alten Mann von Taize, der aus der Kirche getragen wurde.

Es gab keine Durchsage, keine Unterbrechung. Die Andacht hatte knapp eine halbe Stunde vorher, wie jeden Abend, um 20.30 Uhr begonnen, und noch während Frère Roger hinausgetragen wurde, setzten die "Brüder", wie sich die Mönche von Taize nennen, ihre Andacht fort.

Sie sangen, wie jeden Abend, die bekannten Gesänge von Taize. Stimmten das Lied "Laudate omnes gentes" an - "Lobet Gott, all ihr Völker" - und taten damit das, was das einzig Richtige war. Die aufkommende Panik und Unruhe wich durch das Singen einem unerklärlichen Frieden.

Etwa 3000 Menschen waren zu dieser Zeit in der Kirche versammelt. Rund 20 Minuten lang folgten sie dem Vorbild der Mönche und sangen - bis einer derjenigen, die Frère Roger herausgetragen hatten, zurückkehrte und bekanntgab: "Etwas Schwerwiegendes ist geschehen. Frère Roger ist Opfer eines Attentats geworden und soeben verstorben."

Was dann kam, ist nur schwer zu beschreiben. Fassungslosigkeit und lähmendes Entsetzen. Und dann die Worte des Bruders, der gerade den Tod bekanntgegeben hatte: "Ich möchte, daß wir alle die Andacht fortsetzen. Ich weiß, daß dieses im Sinne von Frère Roger gewesen wäre. Er hätte gewollt, daß wir in Frieden weitersingen." Viele weinten. Manche mußten schluchzend aus der Kirche geführt und psychologisch betreut werden. Doch die meisten folgten der Bitte des Mönchs. Sie sangen weiter.

Die entsetzliche Tat und der grausame Tod des alten Mannes, der sich so sehr eingesetzt hatte für Frieden, Versöhnung und Respekt für jeden Menschen, konnte das eine nicht zerstören: die unerklärlicheAtmosphäre von Taize, die geprägt ist von dem, was Roger Schutz gepredigt und gelebt hatte.

 

Artikel versenden

Bitte füllen Sie alle mit * gekennzeichneten Felder aus