Stellen-Börse: Kolding ließ Arbeitssuchende mit Bussen abholen - auch aus Hamburg

Jobs! Deutsche stürmen nach Dänemark

Foto: Bodig

Ingenieure, Techniker, Produktionshelfer gesucht. Bei der Firma Danfoss können 100 Leute am 1. April anfangen . . .

Kolding. Thomas Struck ist gut gerüstet. In seinem Aktenkoffer trägt der Kaufmann aus Henstedt-Ulzburg akkurat zusammengestellte Bewerbungsmappen. "Ich möchte mich verändern", sagt der 46-Jährige. "Deshalb besuche ich diese Jobmesse." Struck hat außerdem extra ein neues blaues Sakko angezogen, um einen guten Eindruck zu machen. Und der gebürtige Hamburger hat einen weiten Weg auf sich genommen - denn die Jobmesse findet im dänischen Kolding statt.

"Ich habe von der Veranstaltung im Abendblatt gelesen und bin um sieben Uhr in den Bus am Schauspielhaus gestiegen. Der Transfer ist kostenlos", erzählt Struck. "Auf dem deutschen Arbeitsmarkt habe ich doch in meinem Alter kaum noch eine Chance." Bei einem ersten Rundgang hat er sich einen Überblick verschafft und will jetzt einige Firmen gezielt ansprechen. "Im Vertriebsaußendienst für eine dänische Firma in Norddeutschland tätig zu sein, das würde mir sehr zusagen."

Wie Struck drängeln sich noch rund 2000 andere Jobsuchende in der Halle im Comwell-Tagungs- und Kongresszentrum. Die meisten kommen aus Deutschland. 15 Busse, unter anderem aus Hamburg, Berlin, Rostock, Hannover oder sogar Frankfurt haben Kolding angefahren. Die Hessen sind schon um ein Uhr gestartet, um sich über das dänische Jobwunder zu informieren oder sogar daran teilhaben zu können.

40 Firmen aus ganz Dänemark präsentieren sich auf der Messe. Dabei sind Danfoss oder der Lebensmittelkonzern Danish Crown, die HiFi-Premiummarke Bang&Olufsen, Hersteller von Windkraftanlagen, Autozulieferer oder regionale Baufirmen.

"Wir suchen mehr als 100 Produktionshelfer für unsere Standorte Kolding, Krusaa und Nordborg", berichtet die Deutsche Corina Schwarten (42), die seit 22 Jahren bei Danfoss in Kolding arbeitet. "Die Leute können am 1. April anfangen." Wer interessiert ist, füllt einen Fragebogen mit Angaben zu Person und beruflichem Werdegang aus. "Wir freuen uns über den großen Zuspruch", sagt Schwarten. "Die meisten haben eine abgeschlossene Ausbildung und wollen wirklich arbeiten." Und die Verdienstmöglichkeiten? "Auf jeden Fall besser als in Deutschland. Einige haben erzählt, dass sie dort sieben Euro brutto pro Stunde bekommen."

Die Idee zu der Jobmesse hatte die Wirtschaftsförderungsgesellschaft Business Kolding. "Wir haben zu viele Jobs und zu wenige Arbeitskräfte, Deutschland hat viele Arbeitslose und zu wenige Stellen", sagt Direktor Bjarke Wolmar (39). In seiner Region beträgt die Arbeitslosenquote zwei Prozent. Kolding hat mehr als 80 000 Einwohner, ist ein Verkehrs- und Handelsknotenpunkt und eine der zehn größten Städte Dänemarks. "Wir suchen Ingenieure, Techniker, Lageristen, Handwerker für den Bau und Beschäftigte für die Lebensmittelindustrie", so Wolmar.

Und wenn jemand kein Dänisch spricht? "Kein Problem", macht der Direktor Mut. "Die Sprache lernt man schnell. Außerdem werden Einweisungen auch auf Deutsch gegeben, und bei Ingenieuren ist Englisch fast wichtiger."

Praktische Fragen über das Leben in Dänemark beantwortet Maria Studt von der Deutschen Schule Hadersleben. Am nächsten Stand informiert Angela Griem vom Europa-Service der Agentur für Arbeit über Versicherungsmodalitäten und Umzugshilfen. "Ich bin wirklich beeindruckt von diesem Zuspruch", sagt die Beraterin aus Hamburg. Hat ihr schon jemand einen frisch geschlossenen Arbeitsvertrag präsentiert? "Nein. Dies ist wohl eher eine Kontakt- und Informationsbörse."

"Bei uns gehen doch bald die Lichter aus", stellen Iris (47) und Werner Patzwaldt (49) ernüchtert fest. Die Buchhalterin und der Malermeister sehen zu Hause in Rostock keine Zukunft mehr. Jetzt denken sie über einen Umzug nach Dänemark nach. Aber auch aus familiären Gründen: "Ich studiere und arbeite seit sieben Jahren in Aarhus", berichtet Tochter Petra, die sich mit ihren Eltern auf der Jobmesse trifft und ihre Familie schon vorher zum Ortswechsel ermutigt hat.

Gegen 15.30 Uhr findet Thomas Struck sich wieder am Bus ein, der ihn nach Hamburg zurückbringt. "Ich habe einen guten Eindruck bekommen", sagt der Kaufmann, obwohl er für seinen Bereich noch nicht das Passende gefunden hat. "Aber ich habe Adressen gesammelt und Kontakte geknüpft. Das werde ich zu Hause in Ruhe auswerten. Auf jeden Fall ist ein Anfang gemacht."

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