17.11.08

Schlaglichter - Spreng & Jürgs

Christian Wulff - der CDU-Absteiger 2008

Er hatte es weit gebracht: Ministerpräsident in Niedersachsen, inoffizielle Nr. 2 der CDU, Reserve-Kanzler, falls Angela Merkel etwas passieren oder...

Er hatte es weit gebracht: Ministerpräsident in Niedersachsen, inoffizielle Nr. 2 der CDU, Reserve-Kanzler, falls Angela Merkel etwas passieren oder sie die Bundestagswahl 2009 verlieren sollte. Christian Wulff stand Anfang dieses Jahres auf dem Zenit seines politischen Lebens, als er mit mehr als 40 Prozent der Stimmen in Niedersachsen wiedergewählt wurde, während sein schärfster Rivale, der hessische Ministerpräsident Roland Koch, eine krachende Niederlage erlitt. Aber seitdem ging's bergab.

Erst sprach sich herum, dass Wulffs Wahlsieg vielleicht doch nicht so strahlend war: Viele CDU-Wähler waren zu Hause geblieben, sein Erfolg beruhte auf einem Nicht-Wahlkampf nach der Art des Beamten-Mikados (Wer sich zuerst bewegt, hat verloren), der trostlose Spitzenkandidat der SPD war sein eigentlicher Wahlhelfer. Dann gab Wulff sein Amt als Landesvorsitzender auf mit der Begründung, er wolle sich neben dem Amt als Ministerpräsident auf seine bundespolitische Rolle als Merkel-Vize konzentrieren. Die Wirtschaft sollte sein Profilierungsfeld werden. Und schließlich meldete er sich mit einem Interview zu Wort, das noch heute seine Parteifreunde in der CDU fassungslos macht. Er sei kein Alpha-Tier, er traue sich das Amt des Bundeskanzlers nicht zu, ihm fehle der unbedingte Wille zur Macht. Normalerweise sind das Sätze, mit denen ein Politiker seinen Abschied von der Politik verkündet. Ein Mann wie Roland Koch würde sich eher die Zunge abbeißen, als so etwas zu sagen. Aber Wulff hielt dieses Interview offenbar für einen Geniestreich, es werde in die Lehrbücher der politischen Kommunikation eingehen. Offenbar glaubte er dem Bibel-Wort, dass derjenige, der sich erniedrigt, erhöht werde. Das hat schon Kurt Tucholsky spöttisch kommentiert: der will erhöht werden.

Heute, nur 10 Monate nach seinem Wahlsieg, ist Wulff der CDU-Absteiger des Jahres. Auf dem CDU-Parteitag Anfang Dezember wird Roland Koch der Held der Delegierten sein. Für Wulff wird wenig Fernsehlicht übrig bleiben. Koch hat ohnehin mit Wulff noch eine Rechnung offen, weil dieser ihm öffentlich im Wahlkampf in den Rücken gefallen war. Und auch Jürgen Rüttgers, Verlierer des CDU-Parteitages vor zwei Jahren, wird voraussichtlich bei der Wahl der Merkel-Stellvertreter an ihm vorbeiziehen. Die Zeit hat für Rüttgers, den Chef des sozialen CDU-Flügels, gearbeitet. Das Scheitern des ungehemmten Kapitalismus hat dem "Arbeiterführer" aus Nordrhein-Westfalen recht gegeben. Wulff dagegen hat in den Monaten nach seinem "Stern"-Interview geirrlichtert.

Neuer Wirtschafts-Kopf der CDU wollte er werden, die vakante Stelle von Friedrich Merz besetzen. Aber bis heute gibt es von ihm keinen einzigen substanziellen Beitrag zur Wirtschafts- und Finanzkrise. Im Gegenteil: Häufig fehlt er im CDU-Präsidium, wenn es um die wichtigen Themen geht. Angela Merkel hat die Zeit genutzt: Hinter dem Rücken von Wulff baute sie ihren Fraktionsgeschäftsführer Norbert Röttgen als neuen Wirtschafts-Kopf der CDU auf. Dass er das Zeug dazu hat, bewies Röttgen mit einer beeindruckenden Rede, als der Bundestag das Rettungspaket für die Banken verabschiedete, und mit einem fulminanten Auftritt bei "Anne Will". Von Wulff dagegen kamen nur die bekannten Polit-Floskeln, die wenig geeignet sind, den Menschen in der Krise Vertrauen zu vermitteln. In Merkels Kompetenzteam für die Bundestagswahl ist für Wulff keine Stelle mehr frei.

Und in Niedersachsen wartet sein Nachfolger als Landeschef, David McAllister, ungeduldig darauf, auch das Amt des Ministerpräsidenten zu übernehmen. Merkel weiß, dass Wulff à la Baisse spekuliert hat, also auf ihren Niedergang. Bleibt dieser im Herbst 2009 aus, dann ist Wulffs Spekulationsblase geplatzt. Merkel wird häufig nachgesagt, sie bringe alle potenziellen Rivalen politisch um. Manche aber besorgen das auch selber.


Die beiden Kolumnisten Michael Spreng und Michael Jürgs schreiben im Wochenwechsel für das Hamburger Abendblatt.

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