Neue Serie: Alt, Krank, Verzweifelt - Wir stellen Menschen vor, für die Suizid oder Sterbehilfe trotz allem keine Lösung ist
Ja zum Leben!
Ein Rentner, der plötzlich vor dem Nichts stand. Ein junges Paar, das fast seine Zwillinge verlor. Eine kranke Schülerin, die keine Chance auf Heilung hat. Von heute an schildert das Abendblatt diese und andere Beispiele, die zeigen: Mut, Kraft und Vertrauen können helfen, Ängste zu besiegen und selbst schwerste Schicksale zu meistern.
Die meisten Deutschen egal welchen Alters wünschen sich, zwischen 80 und 89 Jahre alt zu werden. Aber die wenigsten wollen ein langes Leben um jeden Preis, wie eine Studie des Instituts für Psychogerontologie der Universität Erlangen ergab: Mehr als zwei Drittel finden es nicht erstrebenswert, ihr Wunschalter zu erreichen, wenn sie gesundheitlich stark eingeschränkt sind. Viele fürchten einen Verlust der Selbstbestimmung am Ende des Lebens. Sie möchten daher selbst entscheiden, unter welchen Umständen sie sterben.
Das ist verständlich. Und wie wollen wir sterben?
Die Diskussion darüber hat Schlagseite. Fast jeden Monat gibt es neue Umfragen zur Sterbehilfe und den Ruf nach neuen Gesetzen, die auch die "Tötung auf Verlangen" zulassen sollen. Der Hintergrund ist Angst.
Sie wird geschürt durch spektakuläre Grenzfälle wie etwa den umstrittenen Tod der Amerikanerin Terri Schiavo, deren künstliche Ernährung nach 15 Jahren Wachkoma im März 2005 beendet wurde. Oder den von der Organisation Dignitas assistierten Freitod auf einem Parkplatz. Oder kürzlich den inszenierten Freitod der 79-jährigen Bettina S., die sich dabei von Hamburgs ehemaligem Justizsenator Roger Kusch assistieren und filmen ließ.
Auch andere Faktoren spielen eine Rolle. Etwa die Angst vor Altersarmut: Werde ich mir ein "gutes" Heim leisten können, wenn ich alt bin? Oder die Angst vor der Zwei-Klassen-Medizin: Werde ich genauso gut und vorsorgend behandelt, wenn ich nicht Privat-, sondern Kassenpatient bin? Wer herumfragt, hört oft: Ich möchte nicht in einer Art "Wartesaal" mit Dauerfernsehen auf den Tod warten. Wenn ich ein Pflegefall werde, hört keiner mehr zu, was ich möchte. Mich besucht auch keiner mehr, denn was soll man dann noch reden? Und wenn es zu Ende geht, schieben sie mich womöglich im Krankenhaus in eine Besenkammer.
Fast jeder hat von solchen Fällen schon mal gehört. Sie sind das Szenario, das Angst erzeugt. Die Folge ist: Mit dem Sterben beschäftigen sich viele Menschen intensiver als mit der Frage: Wie wollen wir im Alter leben?
Der frühere Senatssprecher und Hauptpastor Lutz Mohaupt, Sozialsenator Dietrich Wersich und der Geriater Prof. Wolfgang von Renteln-Kruse wollen das nicht hinnehmen. Sie wollen - in Kooperation mit dem Abendblatt - einen lebensbejahenden Kontrapunkt gegen Vorurteile und Angst-Szenarien setzen: "Ja zum Leben".
In dieser Serie kommen Menschen aller Generationen zu Wort, die schwere Schicksalsschläge bewältigt haben und zum Teil noch bewältigen müssen. Die 18-jährige Melanie leidet unter unheilbarer Muskelatropie. Das junge Ehepaar Ehrich hätte durch eine Infektion fast seine neugeborenen Zwillinge verloren. Der Rentner Karl-Heinz Schramm stand nach einem Unfall im besten Alter vor dem Nichts. Sie alle kennen die Frage: Will ich dem Leben noch eine Chance geben?
Das Abendblatt hat sie besucht und ausführliche Interviews geführt: Was - oder wer - hat diesen völlig verschiedenen Menschen wieder Zutrauen gegeben? Es sind keine Geschichten über Sterbewillen und -hilfe. Es sind Geschichten über die manchmal schwierige Kunst, Lebensmut zu gewinnen.
Ein interessantes Ergebnis: Fast immer gaben andere Menschen den entscheidenden Anstoß oder die ermunternde Hand, hielten manchmal auch die rettende Standpauke. Oft waren es Freunde und Angehörige, aber auch Nachbarn, Krankenschwestern, eine Ärztin oder Mitbewohner im Altenheim, die sehr genau wissen, wie man sich fühlen kann. Faszinierend ist auch: Jeder unserer Interviewpartner hat ein sehr eigenes Muster im Umgang mit seinem Lebenswillen. Manche schilderten ihre seelischen Abgründe sehr anschaulich. In anderen Fällen erschließen sich diese Abgründe aus dem, was nicht gesagt wurde. Manche sagen: "Ich bin zufrieden." Andere sind vorsichtiger: "Es ist nicht viel, aber mehr, als ich vermutet hatte." Resignative oder heitere Zwischentöne - wir haben nichts geschönt.
Fast alle Interviewpartner äußerten großes Verständnis für Menschen, die so lange wie möglich über ihre medizinische Behandlung und ihren letzten Weg selbst entscheiden, zum Beispiel mit einer Patientenverfügung. In einem aber stimmten alle überein: Sterbehilfe-Aktionen wie die von Roger Kusch lehnen sie mit großer Klarheit, zum Teil mit Vehemenz ab.
"Es gibt viele alte Leute mit Depressionen", sagte zum Beispiel Gernot Praeger (82), der auf einer Pflegestation in Poppenbüttel lebt. "Auch Demente sind oft an einem Tag niedergeschlagen und am anderen munter. Wenn jemand eine depressive Phase hat, kann man ihm schnell einreden, dass Sterben jetzt besser wäre. Das hat Kusch für seine eigenen Zwecke als Politiker ausgenutzt."
Praeger ist in seinem Heim in einer Männergruppe namens "Hamburger Jungs" aktiv. "Man muss doch mal zur Kenntnis nehmen, dass sich viele alte Leute, die wirklich ein schweres Leben hatten, ihren Humor bewahrt haben", sagt er, "die sind doch nicht alle traurig." Eine andere Gesprächspartnerin sagt: "Am Lebenswillen muss man basteln. Das ist harte Arbeit."
Das Abendblatt hat auch mit Pflegeleiterinnen, Geriatrie-Ärzten, Hospiz-Mitarbeitern gesprochen. Die Pflegelandschaft ist im Umbruch: Neue Gesetze ermöglichen es, den Pflegebetrieben besser auf die Finger zu sehen. Heimleitungen denken neu nach, wie den Bedürfnissen alter Menschen besser entsprochen werden kann. Auch darüber wollen wir in "Ja zum Leben" berichten.
Deutschland steht an einer Wende: Im 20. Jahrhundert hat der Sozialstaat mit Pflegekassen und Heimen eine Versorgungsstruktur für das Alter aufgebaut. Jetzt, im 21. Jahrhundert mit unserer schnell alternden Gesellschaft, muss sie sich qualitativ weiter entwickeln. Prof. Wolfgang von Renteln-Kruse, Chefarzt der geriatrischen Klinik im Albertinen-Krankenhaus, sagt es so: "Es geht nicht nur darum, dem Leben mehr Jahre abzugewinnen, sondern den Jahren mehr Leben zu geben."



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