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Deutschland

Wir verdrängen den Umgang mit den Grenzen unseres Lebens

Der öffentlich dargestellte Selbstmord von Bettina Sch. hat mich tief erschüttert. In meiner Tätigkeit als Arzt habe ich viel mit Sterben und Tod zu...

Der öffentlich dargestellte Selbstmord von Bettina Sch. hat mich tief erschüttert. In meiner Tätigkeit als Arzt habe ich viel mit Sterben und Tod zu tun gehabt. Es stört mich bis heute, dass wir den Umgang mit den Grenzen unseres Lebens oft verdrängen. Doch diese Form der Sterbehilfe ist ein katastrophaler Beitrag, denn da läuft etwas gehörig schief: Der Tod der gesunden 79-Jährigen, die Angst vor der Zukunft hatte, hat nichts gemein mit einem aufgeklärten Bewusstsein der Endlichkeit unserer Existenz. Stattdessen glaubte sie, ihr Leben sei nicht mehr lebenswert, schlichtweg "unwert". Ihr Sterbehelfer begegnete dieser Meinung mit einer Akzeptanz, die Kälte statt mitmenschliches Verstehen atmete. Und er setzte damit ein gefährliches Signal: für den "sozial erwünschten Tod", um mögliche finanzielle und soziale Belastungen von Anfang an zu vermeiden. Dies kann mich als Arzt und Sozialsenator nicht kaltlassen.

Diese "Nützlichkeitssicht" bedroht das Menschliche in der Gesellschaft. Und Angst vor dem, was im Leben noch kommen kann, baut oft auf einseitigen Bildern und Vorurteilen auf. Dem gilt es Lebensbejahendes entgegenzusetzen.

Aus meiner ärztlichen Arbeit weiß ich: Viele Menschen, die dem Tod durch Unfall oder Krankheit nah waren, haben durch "Schläuche" und Medizin zurück ins Leben gefunden - heute sind sie dankbar dafür, auch wenn es ein schwerer Weg war. Viele Jüngere sagen beim Anblick älterer, gebrechlicher Menschen: Oh Gott, wie kann man so leben? Aber wir wissen doch alle: Unsere Ansichten und Bedürfnisse ändern sich im Lebensverlauf. Ehrlich: Könnten wir noch mal als hilfloses Kleinkind glücklich sein? Und doch waren wir es. Warum können wir uns dann eigentlich so wenig vorstellen, dass wir im Alter Glück erleben? Und obwohl jeder in den eigenen vier Wänden alt werden möchte, finden viele in einem Heim ein neues Zuhause, mit neuen Freunden und Unterstützung, wann immer sie Hilfe brauchen. Statt aus Angst vor der Zukunft dem eigenen Leben zu entfliehen, jedes Lebensalter und auch schwierige Zeiten anzunehmen und zu gestalten, das heißt für mich "Ja zum Leben"!

 

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