Erziehung: Schon jeder zehnte Junge bleibt ohne Schulabschluss. Was läuft falsch im deutschen Bildungssystem?
Wenn Mann nur Lehrerinnen hat
Weil Frauen zunehmend den Schuldienst dominieren, kommen Jungen zu kurz, sagen Experten. Schleswig-Holstein hat reagiert: Das Land will mehr Männer in Erziehungsberufe locken.
Hamburg. Felix hat Pech. Er ist ein Junge. Damit sind die Chancen des Zwölfjährigen auf optimale Bildung im deutschen Schulsystem bedroht. Fleiß, Disziplin, Anpassungsvermögen - im Unterricht sind heute Tugenden gefragt, die als typisch weibliche Stärken gelten. Eher männlichen Verhaltensweisen wie Konkurrenzkämpfen und Kräftemessen gegenüber herrscht wenig Toleranz - auch, so vermuten Experten, weil es in Grundschulen kaum männliche Lehrkräfte gibt, die für "typische Jungen" Verständnis aufbringen könnten.
Wer Kinder beider Geschlechter hat, kennt es: Wenn es um Selbstorganisation und Feinmotorik geht, spielen Mädchen in einer ganz andern Liga. Felix sieht bis heute nicht ein, warum er eine Schleife binden soll, wo seine Schuhe doch Klettverschluss haben, warum er zum Unterstreichen der Mathe-Ergebnisse ein Lineal braucht, wenn doch die Pokemon-Karte gleiche Dienste erweist, und warum er sich die Strafpredigt seiner Klassenlehrerin anhören muss, weil er mit einem Klassenkameraden "Wrestling" gespielt hat. "Schule ist doof", sagt Felix. "Gute Zensuren sind was für Streber." Und: "Ich hab keine Lust auf das ewige Rumdiskutieren."
Weil seine Mutter befürchtet, der Sohn könne in seiner Schule als Problemfall gelten, soll Felix anonym bleiben. Auch seine Klassenlehrerin, die sagt, "Jungs sind ganz klar die Verlierer in unserem Bildungssystem", will ihren Namen nicht genannt wissen. Dieses Beharren auf Anonymität ist typisch auch für das Gesamtproblem: Viele leiden, aber kaum einer gesteht es offen ein.
Während Expertinnen und Experten darüber streiten, ob diese Probleme ihre Ursache darin haben, dass die Jungen mit traditionellen, überkommenen Männlichkeitsbildern aufwachsen bzw. sie via Fernsehen und Computer einsaugen, oder daran, dass Schule feministisch dominiert ist, sorgen Schulen und Schüler für Fakten: Zwei Drittel aller Schulabbrecher und Dreiviertel aller Sonderschüler sind männlich. Dies ist ein Trend, der auch das Berliner Bildungsministerium alarmiert hat. "Bildungs(miss)erfolge von Jungen und Berufsverhalten bei Jungen/männlichen Jugendlichen" ist der Titel einer Expertise, die in diesem Jahr herausgegeben wurde.
"Je geringer qualifizierend die Schulform, desto höher der Anteil an Jungen, ca. jeder zehnte Junge bleibt ohne Schulabschluss", stellen deren Autoren fest. Nichts Genaues weiß man (noch) nicht, lautet ansonsten zwar der Tenor, wenn es um die Ursachen und Verstärker der unterschiedlichen Bildungsniveaus von Jungen und Mädchen geht. Doch eines ist sicher: "Beim Besuch von Kindergarten, Kindertagesstätte sowie Grundschule gibt es keinen Unterschied zwischen Jungen und Mädchen." Logischerweise entstehen die Bildungsunterschiede also im Laufe der Schulzeit.
Spätestens in der 3. Klasse, nämlich dann, wenn Noten die schriftlichen Beurteilungen ablösen, beginnt der Leistungsabbau der Jungen. Das sagt auch Christian Alt vom Deutschen Jugendinstitut, München. Jetzt bekommen die Jungen schwarz auf weiß, dass das, was sie auszeichnet - nämlich sportliche Aktivität und Durchsetzungsstärke - in der Schule weniger gefragt ist als Unauffälligkeit, das sogenannte social networking. Das gilt auch für nahezu jede Freizeitaktivität, die von Jungen häufiger betrieben wird als von Mädchen: bei Fußball und dem Umgang mit Computern wird eben kein schulrelevantes Wissen gesammelt.
Verstärkt wird dieses Ungleichgewicht obendrein durch die geringe Anzahl männlicher Lehrkräfte in den Grundschulen.
"Frauen wissen nicht, wie Jungen &39;ticken&39;", sagt der Hamburger Pädagoge Frank Beuster. "Jungen lernen heute kochen und stricken, sie lernen im Kreis über Probleme zu reden und ihre Gefühle auszudrücken. Das ist wichtig. Aber Jungen sind eben auch Jungen - mit ganz anderen Bedürfnissen als Mädchen. Sie kommen in der von Frauen dominierten Schule zu kurz."
Raufen, Toben, Lärmen - "vieles, was Jungen mögen, hat im Alltag keinen Platz mehr. Und in der Schule gilt das als richtig und wichtig, was Mädchen meistens besser können: Reden, Lesen, selbstständiges Lernen. Wettbewerbe und körperlicher Kampfgeist, womit Jungen früher brillierten, sind in vielen Schulen sogar an Sporttagen verpönt (Stichwort: &39;Spiele ohne Sieger&39;)." Beusters Forderung lautet: "Jungen müssen Männer erleben."
Dies hat sich jetzt Schleswig-Holsteins Bildungsministerin Ute Erdsiek-Rave auf die Fahnen geschrieben und in diesem Jahr die Initiative "Lehrer und Erzieher - Helden des Alltags" gestartet; Ziel: den Männeranteil in den erzieherischen Berufen deutlich zu erhöhen.
Nicht einmal 14 Prozent des Grundschulunterrichts werden in der Bundesrepublik noch von Männern erteilt. Bis weit in die 1960er-Jahre hinein war mehr als die Hälfte der Grund- und Hauptschullehrer männlich. Weil außerdem immer mehr Mütter alleinerziehend sind, gibt es inzwischen Kinder, die im Alltag ihrer ersten zwölf Lebensjahre überhaupt keinen Mann mehr erleben.
Das ist weder für Jungen noch für Mädchen gut, sagt Erdsiek-Rave. Aber ganz besonders die Jungen brauchen für ihre ganzheitliche Entwicklung Männer, "die ihnen emotionale Intelligenz, respektvollen Umgang mit dem anderen Geschlecht und bewussten, verantwortungsvollen Umgang mit Aggressionen vorleben, mit ihnen raufen und toben, sich für Handwerkliches und Technik begeistern, klettern und körperliche Grenzen austesten, aber auch vorlesen und mit ihnen über Gefühle sprechen".
In dieser Beziehung sind die medialen Vorbilder jedenfalls höchst fragwürdig. "Was wird den elf, zwölf Jahre alten Jungen denn angeboten?" fragt der Lübecker Jugendbuchautor Wolfram Eicke, selbst Vater zweier Söhne, insbesondere mit Blick auf Computer, Comics und TV. "Entweder Terminator-Typen oder Verlierer wie Homer Simpson."
Damit legt Eicke den Finger in die Wunde, in der auch Beuster stochert: Oft steuert Schule bei der Auswahl von Lektüre bewusst der TV-Eindimensionalität entgegen - und vergisst über diesem Bemühen allzu schnell die Interessen der ohnehin lesefauleren Jungen. "Momo" liegt Mädchen nun mal näher.
Bisweilen brauchen Jungen in der Schule aber einfach auch nur Gerechtigkeit. Denn, das hielt Erdsiek-Rave schon als Vorsitzende der Kultusminister-Konferenz vor zwei Jahren fest: In der Grundschule erhalten Jungen bei gleicher Kompetenz oft schlechtere Noten. Kein Wunder, denn wer seine Hausaufgaben mit Blumen und Herzen dekoriert, wer sich meldet und erst nach Aufforderung redet, sendet und empfängt für gewöhnlich positivere Signale als einer, der Panzer und Pokemon kritzelt und in die Klasse ruft. Auch Lehren ist menschlich.
Mit forciertem Werben um Männer per Broschüre, Plakatierung, Werbebus und Internet für das Berufsfeld Erziehung und Bildung will die Schleswig-Holstein dem Mangel den Kampf ansagen. Dass sich Männer bisher nur selten für Kita oder Grundschule als Arbeitsplatz begeistern können, sei eher "eine Frage des Images als der Bezahlung", sagt Erdsiek-Rave. Erziehen und Betreuen gelte eben immer noch als weibliche Domäne.
Die soziale Geschlechterrolle, also alles, was als typisch männlich und als typisch weiblich gilt, bezeichnen Fachleute als Gender. Dass mehr als nur ein Gender-Wurm im deutschen Bildungswesen steckt, stellte Ute Erdsieck-Rave allerdings ebenfalls fest: Zwar seien 56 Prozent der Abiturienten weiblich; doch weder in der Berufsausbildung noch an Uni oder im Beruf gelänge es den Mädchen, diesen Vorsprung zu nutzen. Stattdessen entscheiden sie sich für ein schmales Spektrum "weiblicher" Berufe, nämlich der im Erziehungswesen - und drehen damit weiter an der Gender-Schraube.
Von alleine löst sich dieses Problemknäuel kaum. Die Berliner Expertise rät unter anderem, Lehrkräfte in "Form von Aus- und Weiterbildung in Genderkompetenz" zu unterstützen und den Unterricht fehlerfreundlicher und ermutigender zu gestalten, sowie "Jungenarbeit" zu verankern.
Heißt: Schule darf Jungen und ihr typisches Verhalten nicht als Störfall begreifen, sondern als die zweite Hälfte der menschlichen Normalität.



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