"Schlaf"-Wagen? Eine Keksdose mit Falttür...
Gute Nacht, Herr Bahnchef!
Der liebe Gott hatte, als ich Erdenbürger wurde, ein Wachstums-Gen ausgewählt, das mich 1,90 Meter groß werden ließ ...
Der liebe Gott hatte, als ich Erdenbürger wurde, ein Wachstums-Gen ausgewählt, das mich 1,90 Meter groß werden ließ. Dagegen gab es nichts zu meckern, ich bin immer gern hoch aufgeschossen gewesen - bis eben zu jener Stunde in diesen Juni-Tagen, in der ich den Schlafwagen des Autoreisezuges von Lörrach an der deutsch-schweizerischen Grenze nach Hamburg-Altona betrat.
Bei diesem doppelstöckigen Nachtlager des neuesten Typs der Deutschen Bahn handelte es sich offensichtlich um ein Gefährt, das nach dem Prinzip entwickelt wurde, in ihm so viel Reisende unterzubringen wie nur irgendwie möglich und vor allem: egal wie! Das Abteil, in dem meine Frau und ich die Nacht überstehen sollten, stellte mich vor die unlösbare Aufgabe, meine Körpergröße, zumal in einem Alter, dem das Schlangenmenschartige schon abhandengekommen ist, in das Bett zu bringen. Woraufhin meine Frau dem Schlafwagenschaffner das Problem schilderte und ihn bat, sich doch von der Unmöglichkeit meines Zubettgehens zu überzeugen. Er kam auch, lächelte wissend und sagte nur: "Da sind Sie nicht der Einzige..."
Wer ahnt denn schon, wenn er heutzutage bei der Bahn eine Zwei-Bett-Kabine bucht, dass es sich in Wirklichkeit um eine Keksdose mit Falttür und Fenster handeln kann. Na gut, ich hätte mir auch einen Klappstuhl geben lassen können, um nächtens im Gang mit mehr Beinfreiheit darüber nachzudenken, ob ich Bahnchef Hartmut Mehdorn einen Brief schreiben sollte mit der Bitte, doch mal seine neuen Schlafwagen einem Eigentest zu unterziehen. Damit er nicht denkt, ich sei ein notorischer Nörgler, führe ich Kronzeugen an: vier Hamburger Motorradfahrer, die alle mit Jack und Lederbüx plus Gepäck in Lörrach auf ihren Betten wie bestellt und nicht abgeholt saßen und gleichfalls darüber sinnierten, wie sie auf diesen Quadratzentimetern zur nächtlichen Ruhe kommen würden. Selbst bei aller Selbstaufopferung und allergrößter Demut plus etlichen Bierchen wäre ihnen das nicht gelungen.
Frage an den Schaffner: "Wie nehmen denn Ihre Kunden die neuen Nachtwaggons an?" Er: "Nur Ärger, sag ich Ihnen. Ist ja auch kein Wunder. Früher hatte ein Schlafwagen elf Abteile, heute sind es 23." Was uns zu der Milchmädchenrechnung brachte, dass die Bahn jetzt auf demselben Platz pro Waggon mindestens doppelt so viele Reisende in die Betten bringt, zutreffender gesagt: presst.
Kurz vor Abfahrt des Zuges fand sich für uns und die vier Motorradfahrer dann doch noch eine unverhoffte Lösung: Nicht alle Betten-Bucher waren erschienen. Gegen einen Aufpreis, versteht sich, konnten wir in größere Kabinen umziehen, die nun frei geworden waren und von denen es nur vier pro Waggon gibt. Die Deutsche Bahn wirbt mit dem schönen Satz: "Im Schlafwagen komfortabel durch Deutschland reisen." Gute Nacht, Herr Bahnchef!"




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