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Deutschland

Dokumentation: Zwei Staatsanwälte veröffentlichen ihre Ermittlungsberichte

Die Argumente - für Mord, für Selbstmord

Der Fall Uwe Barschel spaltet die Justiz in Schleswig-Holstein. Barschel-Chefermittler Heinrich Wille bekräftigt seine Mordtheorie. Der Schleswiger Generalstaatsanwalt Erhard Rex kommt zum entgegengesetzten Ergebnis. Das Abendblatt fasst die Beiträge zusammen.

Der Fall Uwe Barschel spaltet die Justiz in Schleswig-Holstein. In einer offiziellen Dokumentation zum 20. Todestag des Ex-Ministerpräsidenten bekräftigt der Leiter der Lübecker Staatsanwaltschaft und Barschel-Chefermittler Heinrich Wille seine Mordtheorie. Der Schleswiger Generalstaatsanwalt Erhard Rex kommt zum entgegengesetzten Ergebnis Selbstmord. Das Abendblatt fasst die Beiträge zusammen. Die mehr als 300 Seiten starke Dokumentation ist auch im Internet abrufbar.

Erhard Rex glaubt, dass Uwe Barschel Selbstmord beging. Motiv ist die Kieler Affäre 1987. "Fakt war zunächst, dass Dr. Barschel als Ministerpräsident auf Drängen seiner eigenen Partei zurücktreten musste. (. . .) Fakt ist auch, dass Dr. Barschel in seiner Ehrenwort-Pressekonferenz mindestens teilweise die Unwahrheit gesagt hatte. Insoweit musste ihm klar sein, dass hier staatsanwaltschaftliche Ermittlungen wegen einer falschen eidesstattlichen Versicherung drohten und dass er als bislang untadeliger Politiker mit Ambitionen auf höchste Ämter in Deutschland abgestürzt war und ihm überdies noch die ,Schmach' einer strafrechtlichen Verurteilung drohte." Die Spuren im Genfer Hotelzimmer sprechen laut Rex nicht für ein Kapitaldelikt. "Die in den Medien, aber auch in justiziellen Diskussionen zitierten Mordindizien sind längst nicht so belastbar, wie sie zunächst scheinen. Beispiel Whisky-Fläschchen: Die geringen Spuren des Mittels Diphenhydramin in der Flasche können nach Gutachteraussage dadurch erklärt werden, dass Dr. Barschel dieses Mittel bereits eingenommen hatte und über Lippenkontakt und Speichelrückfluss mit dem Whiskyfläschchen hiervon Spuren in das Whiskyfläschchen gelangt sind. Der geringe Alkoholgehalt im Whiskyfläschchen könnte dadurch erklärt werden, dass Dr. Barschel es nach dem Trinken noch einmal mit Wasser gefüllt und dieses Wasser getrunken hat. Es könnte auch dadurch erklärt werden, dass das Fläschchen nach dem Trinken unter den Wasserhahn geraten ist bei einer weiteren Medikamenteneinnahme." Barschel starb an einem Mix aus acht Medikamenten. "Von daher wäre es aus Sicht eines Profimörders unlogisch, Dr. Barschel ein ,harmloses' Mittel raffiniert in Whisky verpackt vorzusetzen." Rex bewertet auch die Schuhspuren am Tatort anders und schließt definitiv aus, dass Barschel über seinen linken Vorderschuh vergiftet wurde. "Jedem Laien ist klar, dass ein über Körperkontakt aufgenommenes Medikament in das Blut und damit in den Körperkreislauf gelangen kann, aber niemals in den Magen!" Dort waren bei der Obduktion Barschels Reste der tödlichen Medikamente gefunden worden. Rex erinnert an ein weiteres Gutachten. Demnach lässt sich Schuhfarbe nicht nur mit Wirkstoffen wie DMSO lösen, sondern auch mit normalem Wasser. Für den kaum sichtbaren Trittabdruck auf dem Wannenvorleger bietet Rex ebenfalls eine harmlose Erklärung an. Die Trittspur könnte von einem der Schweizer Polizeibeamten stammen, die Barschel aus der Wanne bargen. Der Vorleger war zuvor nicht entfernt worden.

Von den Theorien über mögliche Mörder und ihre Hintermänner hält Rex nichts. "Es ist eine bekannte bedauerliche Tatsache, dass die Gerüchteküche immer dann brodelt, wenn ein Prominenter unter ungeklärten Umständen stirbt. (. . .) In diesem Sinne betätigten sich nach dem durch die Weltpresse gegangenen mysteriösen Tod von Dr. Uwe Barschel Glücksritter, Geschichtenerzähler, Abenteurer, Aufschneider und Wichtigtuer und sprachen mehr oder weniger gewandt nebulöse Verdächtigungen aus." Ins Visier gerieten so zwölf Geheimdienste und die Mafia. "Die Wahrheit mag manchmal unscheinbar und fast langweilig aussehen, aber sie bedeutet in diesem Fall: Es gibt keinen einzigen belastbaren Beweis auch nur für die Verstrickung von Dr. Barschel in Waffengeschäfte, geschweige denn für Enthüllungen/Erpressungen oder für eine Beorderung Dr. Barschels nach Genf, wo er von Waffenhändlern ermordet worden sein soll." Es sei zudem bekannt, dass "nicht jeder mit Waffenhandel befasste Politiker anschließend von Waffenhändlern ermordet wird (sonst würde die Zahl von Spitzenpolitikern draußen in der Welt erheblich abnehmen)".

Ein abschließendes Urteil im Fall Barschel fällt Rex nicht. "Der Tod Uwe Barschels ist rätselhaft, und die Spuren am Ort des Geschehens, die Spuren in und an seinem Körper sowie die psychologische Situation, in der er sich befand, lassen einen eindeutigen Schluss in Richtung Mord oder Selbstmord nicht zu." Klar ist für Rex aber auch: "Insgesamt entsprachen die Medikamenteneinnahme und das Liegen in einer gefüllten Badewanne einer Anleitung zum Selbstmord, die von der Gesellschaft für humanes Sterben in Deutschland herausgegeben worden war."

Heinrich Wille glaubt, dass Uwe Barschel ermordet wurde. "Nach meiner persönlichen Überzeugung war Uwe Barschel keine suizidale Persönlichkeit." Daran habe auch die Kieler Affäre 1987, also der Skandal um die Schmuddelkampagne aus Barschels Staatskanzlei, nichts geändert. "Die in der wissenschaftlichen Literatur beschriebenen Zustände, die Anzeichen und Faktoren für einen Selbstmord darstellen, können bei Uwe Barschel ganz überwiegend nicht festgestellt werden: Keine aggressiven Tendenzen gegen sich selbst, keine Selbstvorwürfe, keine Schuldgefühle, gute familiäre Einbindung und Mitarbeit der Angehörigen, keine subjektive Ausweglosigkeit, keine Psychose, Depression, Melancholie, kein früherer Suizidversuch, gute Beziehung zu einem befreundeten Arzt, persönlich konkrete Planungen und realistische berufliche Alternativen waren zu verzeichnen."

Wille stützt seine Mordthese aber nicht nur darauf, dass es für einen Bilanz-Selbstmord Barschels kein "zwingendes Motiv" gibt, sondern auch auf Hinweise am Tatort, dem Zimmer 317 des Genfer Hotels "Beau Rivage". Dort gibt es laut Wille "zwei essenzielle Spuren, die aus meiner Sicht jedenfalls eindeutige Indizien für ein Kapitalverbrechen sind". Erstens: Im Abfalleimer des Badezimmers lag ein geleertes Whiskyfläschen, in dem noch etwas Alkohol, Spuren des Schlafmittels Diphenhydramin sowie Wasser gefunden wurden. "Es gibt für einen Selbstmörder kein Motiv, dieses kleine Whiskyfläschchen nach dem Austrinken mit Wasser auszuspülen." Das sei ein deutlicher Hinweis, "dass es sich nicht um einen Selbstmord gehandelt haben kann, sondern wahrscheinlich einen Mord." Dasselbe folgert Wille aus der Lage und dem Zustand der beiden Schuhe Barschels und von ihnen herrührenden Verschmutzungen auf dem Badewannenvorleger und einem Handtuch. Begründung: Die Abfärbungen des linken Schuhs auf dem Vorleger lassen sich nur durch Kontakt mit einem Lösungsmittel wie Dimethylsulfoxid (DMSO) erklären. Mit solchen Stoffen können über die Haut Gifte in den Körper gelangen. Wille verweist zudem auf einen "Trittabdruck" auf dem Vorleger, der nicht von Barschels Schuhen stammt. "Das lässt sich nur als Hinweis auf die Anwesenheit zumindest einer weiteren Person am Tatort werten." Ein klares Motiv für einen Mord an Barschel und damit eine heiße Spur zu möglichen Mördern bietet Wille nicht. Dafür aber zahlreiche Ungereimtheiten, etwa die vielen Reisen Barschels in die ehemalige DDR. "Als Fazit lässt sich festhalten, dass Uwe Barschel in der DDR nicht rekonstruierbare Kontakte zu offiziellen Stellen gehabt hat, die allem Anschein nach mit dem Verhalten des Ministerpräsidenten eines westdeutschen Landes nicht in Einklang zu bringen sind. Das Wegschicken eines Fahrers auf einer Dienstreise in die DDR durch eine dritte Person und die Rückkehr Uwe Barschels auf einem anderen, nicht definierten Wege ist das eine, der Besuch einer Einrichtung in Mecklenburg, die möglicherweise ein Waffenlager gewesen ist, (. . .) ist ein Zweites." Darüber hinaus sei ein früher Kontakt Barschels zu einem Exportgeschäft nach Libyen dokumentiert. "Das führt im Zusammenhang mit anderen Erkenntnissen zu der These, dass Uwe Barschel möglicherweise in einer Notarfunktion oder notarähnlicher Funktion im Bereich grenzüberschreitender Geschäfte tätig gewesen sein mag. Konkrete Hinweise auf eine aktive Beteiligung darüber hinaus, insbesondere am Waffenhandel, haben die Ermittlungen nicht ergeben."

Wille schließt zugleich nicht aus, dass Barschel wegen der "Iran-Contra-Affäre" sterben musste. "Wenn es auch keinen Beleg für eine direkte Beteiligung Uwe Barschels an oder auch nur am Rande dieser Affäre gibt, ist es doch vorstellbar, dass er aufgrund seiner Kontakte hätte Erkenntnisse haben können. Da er seine Bereitschaft zur Aussage vor dem Untersuchungsausschuss des Kieler Landtages eindeutig bekundet hatte und auf dem Wege zu dieser Aussage war, hätte er einen Unsicherheitsfaktor für Interessen im Zusammenhang mit der Affäre bilden können. Ansatzpunkte für weitere erfolgversprechende Ermittlungen in diesem Umfeld waren allerdings nicht vorhanden." Dasselbe gilt für Spuren ins Milieu der Geheimdienste und der Mafia.

Wille betont, dass die Ermittlungen 1998 nur eingestellt wurden, weil die vorhandenen Spuren abgearbeitet waren, die vom Gesetz geforderten Verdachtsmomente für das Vorliegen eines Mordes aber weiter bestehen. Im Klartext: Der Fall Barschel wird bei einem neuen Hinweis wieder aufgerollt.

Die gesamte Dokumentation: www.abendblatt.de/Barschelubi

 

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