Kongress: Oberhäupter der Protestanten suchen nach der besten "Neuen Reformation" für ihre Kirche
Evangelische Bischöfe wollen mehr Emotion, weniger Intellekt
Hamburg. Wenn es nach dem EKD-Ratsvorsitzenden Wolfgang Huber geht, dann steht die Evangelische Kirche Deutschlands am Beginn einer neuen Reformation. Diesen hohen Anspruch hatte er schon im vergangenen Juni mit seinem "Impulspapier" verkündet, und der war auch das Thema des am Wochenende in der Lutherstadt Wittenberg zu Ende gegangenen Kongresses von 300 Würdenträgern, in dem es um die Zukunft der evangelischen Kirche gehen sollte. Am Ende dieses Auftakts einer ganzen Reformdekade erhielt der Optimismus des EKD-Chefs einen Dämpfer.
Das lag nicht zuletzt in der Person Huber selbst begründet. Dessen Referat über die Kirche der Freiheit hatte zwar hohes intellektuelles Niveau, wurde in seinen theologischen Kernaussagen aber nicht von allen Teilnehmern unterstützt. So kritisierte der Nordelbische Bischof Hans-Christian Knuth: Die evangelische Kirche sei vor allem eine Kirche Jesu Christi und nicht nur eine Kirche der Freiheit, wie Huber formuliert hatte.
Und es war dessen mögliche Nachfolgerin, die Hannoversche Landesbischöfin Margot Käßmann, die das Dilemma des Chefs von 27 Millionen Protestanten auf den Punkt brachte. Huber habe eine kluge Rede gehalten, "aber ein bisschen emotionaler hätte es sein können", sagte Käßmann.
Eine Äußerung, die ein Kernproblem protestantischen Selbstverständnisses in Deutschland berührt. Viel Intellekt, viel Wissen und Kompetenz, aber wenig Sinnlichkeit.
Die Umsetzung des kirchlichen Auftrags kostet viel Geld, die Kirchensteuereinnahmen aber bröckeln. Bis 2030, so prognostizieren die EKD-Verantwortlichen, halbieren sie sich von vier auf zwei Milliarden. Finanzberichte, betriebswirtschaftliche Strukturen, Qualitätsmanagement, Kommunikation sind deshalb Themen, die zu funktionierenden Großorganisationen dazugehören.
Darüber darf aber das ureigene Gewicht und Profil der Kirche, die eigentlich eine Kirche der Gottessuche ist, nicht zu kurz kommen. Das aber befürchtet der Verband der deutschen Pfarrer, der mit seinen 20 000 Mitgliedern eine tragende Säule der Kirche ist.
Viele dieser Pfarrer finden sich in der Diskussion der Leitungsebene über neuen Zentralismus und Stellenstreichungen nicht wieder. Und eingeladen waren sie in Wittenberg auch nicht. Ihren Unmut nahm Bischof Knuth auf, als er sagte, dass die evangelische Kirche von "den Charismen der Kirchengemeinden und der einzelnen Gläubigen lebt".
Die Reform der evangelischen Kirche soll im Jahre 2017 abgeschlossen sein. Dann jährt sich zum 500. Mal der Tag, an dem Martin Luther seine 95 Thesen an die Schlosskirche zu Wittenberg schlug, der Beginn des Protestantismus. Es bleibt also noch Zeit genug für die Fortsetzung der Reform der Reformation.



100. Geburtstag
Axel Springer






Branchenbuch Hamburg
Abendblatt auf Facebook

Das Rätsel des Tages




