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Deutschland

Wie kommt die Kirche aus der Krise?

Interview: Hauptpastorin Murmann zur Reform. Strukturen sollen schlanker werden, die Lebensfragen der Menschen wieder ins Zentrum rücken.

Die Evangelische Kirche in Deutschland (EKD) startet die größte Reform ihrer Geschichte. Dabei sollen die 23 Landeskirchen auf acht bis zwölf zusammengelegt und die Kirchenarbeit umgestaltet werden. Grundlage ist ein "Impulspapier" des EKD-Ratsvorsitzenden, Bischof Wolfgang Huber. Hauptpastorin Ulrike Murmann nimmt Stellung.

ABENDBLATT: Wer das Impulspapier von Bischof Huber liest, gewinnt den Eindruck einer protestantischen Kirche in höchster Not. Ist die Lage so dramatisch?

HAUPTPASTORIN ULRIKE MURMANN: Ja, und zwar unter der Voraussetzung, daß wir nichts tun. Es gibt ja viele Kirchengemeinden, die schon heute in höchster Not sind.

ABENDBLATT: Huber übt sehr viel Selbstkritik. Haben Sie so viele Fehler gemacht? Oder ist das auch eine Abrechnung mit der politisierten Kirche der 80er Jahre?

MURMANN: Von Abrechnung sollten wir nicht sprechen. Auch ich habe Kritik an manchem, was damals geschah, die Kirche war aber auch anders gefordert als heute. Jetzt sollten wir in die Zukunft schauen und die Aufgaben bewältigen, die vor uns liegen, um Kirche und ihr Profil zu stärken.

ABENDBLATT: Gehört dazu auch das Missionarische, wie Huber fordert?

MURMANN: Ja, das ist ganz wichtig. Jede Gemeinde sollte sich fragen, wo sie in zehn Jahren lebendig sein will. Das kann zum Beispiel mit Jugendarbeit, Diakonie oder kultureller Arbeit geschehen.

ABENDBLATT: Und die Profilkirchen, die Huber anspricht?

MURMANN: Das ist ein richtiger Weg, den wir hier in Hamburg schon gehen. Der Mentalitätswechsel, den Huber will, ist generell notwendig.

ABENDBLATT: Geistliche Profilierung statt undeutlicher Aktivitäten wird gefordert. Was bedeutet das für die Pastoren?

MURMANN: Unsere Gemeindepastoren wertschätzen schon jetzt den Gottesdienst oder die Andacht neu. Sie gehen stärker an die Lebensfragen der Menschen heran. Da ist geistliche Profilierung schon auf dem Weg. Evangelisches Profil wird hier in Hamburg überdies noch deutlich an den evangelischen Schulen. Das ist etwas ganz zukunftsweisendes. Wir müssen ja die Traditionen erst wieder aufbauen und in die Familien hineintragen.

ABENDBLATT: Die evangelische Kirche soll neu geordnet werden. Es ist wie eine Föderalismusreform für die Kirche. Trifft das Nordelbien?

MURMANN: Nordelbien ist ein gutes Beispiel, wie eine solche Reform funktionieren kann. Mit seiner Gründung 1977 wurden vier Landeskirchen zusammengefaßt. In Zukunft werden wir auch weniger Kirchenkreise haben.

ABENDBLATT: Es wird also Zeit, die Struktur der protestantischen Kirche in Deutschland, die seit 1815 besteht, abzuschaffen?

MURMANN: Diese Struktur ist absolut überholt. Und wir brauchen schlankere, moderne Strukturen.

ABENDBLATT: Brauchen Sie auch mehr Zentralismus, wie das Impulspapier fordert?

MURMANN: Wir brauchen starke Zentralen und starke Regionen. Wir müssen schneller und flexibler handeln. Entscheidungswege flexibler machen. Dafür braucht man eine starke Leitung, aber die ist immer nur so stark, wie sie Verantwortung nach unten delegiert und Kreativität vor Ort ermöglicht.

 

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