Niedersachsen plant für den Katastrophenfall: "Klotzen statt kleckern"
Hannover/Oldenburg. Auch Katastrophen brauchen Planung: Wenn die Vogelgrippe die Nutztierbestände in Niedersachsen erreicht, werden Zehntausende Helfer einem genauen Drehbuch folgen. Das "Tierseuchenbekämpfungshandbuch" ist der Dreh- und Angelpunkt bei dem Versuch, die Seuche und den wirtschaftlichen Schaden in Grenzen zu halten.
Daran hängt viel: Mit rund 72 Millionen Stück Federvieh entfällt deutlich mehr als die Hälfte des gesamten deutschen Bestandes an Wirtschaftsgeflügel auf dieses eine Bundesland. Konzentriert ist dieser Zweig der Landwirtschaft vor allem in den vier Kreisen Emsland, Vechta, Osnabrück und Cloppenburg.
Auf einer Krisenkonferenz in der Landesfeuerwehrschule in Celle sind die Spitzen von Polizei und Hilfsorganisationen in der vergangenen Woche noch einmal auf ein einheitliches Vorgehen eingeschworen worden. Neben den Behörden werden im Krisenfall vor allem die fast 140 000 freiwilligen Feuerwehrleute das Rückgrat bei der Seuchenbekämpfung sein.
Das niedersächsische Landwirtschaftsministerium geht dabei mit der Zeit, kein Landrat, kein Kreisbrandmeister und kein Veterinär muß heute noch ein echtes Handbuch mit sich herumschleppen. Wer auch immer zu tun hat mit der Seuchenbekämpfung, der hat ein Paßwort für das Computerprogramm im Internet.
Niedersachsen hat seine Lektion bei mehreren schweren Ausbrüchen der Maul- und Klauenseuche bei Schweinen in den 90er Jahren gelernt: nur Radikalmaßnahmen können helfen. Bestätigt hat sich das noch durch den Ausbruch der Geflügelpest vor drei Jahren in den benachbarten Niederlanden. Landwirtschaftsminister Hans-Heinrich Ehlen hat die Lehre schon damals in dem Satz zusammengefaßt: Wenn die Seuche komme, "wird nicht gekleckert, sondern geklotzt".
Und das eben genau nach Plan: Das Seuchenhandbuch regelt alles von dem Moment an, wenn ein Verdachtsfall gemeldet wird. Der Abtransport zu den Außenstellen des Landesamtes für Verbraucherschutz und Lebensmittelsicherheit, die genauen Meldewege, das Zusammentreten der Katastrophenstäbe, die Ausrufung der Sperrgebiete und die Kontrolle der Einhaltung durch die Polizei. Ob ein Bestätigungsfax verschickt wurde, nach wieviel Stunden mit dem Laborergebnis zu rechnen ist, was der Tierarzt und was der Landrat (als Chef des Katastrophenstabes) zu entscheiden haben - per Drehbuch führt das Land Regie.
Eben weil alle Anweisungen und Handreichungen auf Erfahrungen früherer Seuchenzüge basieren, erinnert das Handbuch bei Einrichtung von Sperrzonen auch an so simple, aber wichtige Dinge wie Schrauben und Akkuschrauber zum Anbringen der Schilder. Tote Tiere müssen, damit die Tests klappen, gekühlt abgeliefert werden. Und dann bitte auch das Einsatztagebuch nicht vergessen. Auf die richtige Schutzkleidung wird verwiesen, und wenn ganze Bestände getötet werden müssen, finden sich im Handbuch auch die Telefonnummern von Pfarrern. Damit die Bauern nicht allein sind, wenn sie vor den Trümmern ihrer Existenz stehen.
Und weil nichts geht ohne klare Hierarchie, ist genau geregelt, wer den Hut aufhat. Die Tötung der Tiere wird vom Landrat und in den kreisfreien Städten vom Oberbürgermeister angeordnet. Gegenzeichnen muß der Amtschef im Landwirtschaftsministerium, Staatssekretär Friedrich-Otto Ripke (CDU). Der Mann weiß, was er da tut. Er ist gelernter Agraringenieur, Nebenerwerbslandwirt und hält 20 Hühner.



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