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Deutschland

Impfen - Segen, Fluch oder unvermeidliches Übel?

Hühner auf der Insel Rügen werden auf Anordnung der Behörden vorsorglich getötet, obwohl sie gar nicht vom H5N1-Virus infiziert sind.

Hamburg. In China und Frankreich dagegen lassen die Verantwortlichen das Geflügel impfen und schützen es so vor der Krankheit, die Tiermediziner als Geflügelpest oder Vogelgrippe kennen.

Die Ursachen für das unterschiedliche Vorgehen erklärt der Tierarzt und Mikrobiologe Lothar Wieler von der Freien Universität in Berlin: Wie jede andere Impfung auch, bereitet die H5N1-Impfung den Organismus auf den Erreger vor. Danach braucht der Organismus erheblich weniger Zeit, um H5N1 zu identifizieren und zurückzuschlagen. Der Zeitgewinn führt fast immer zum Erfolg, und das Geflügel bleibt gesund.

Die deutliche Verkürzung der Reaktionszeit kann aber nicht verhindern, daß die Viren sich bereits vermehrt haben, bevor die Abwehrkräfte zurückschlagen. Auch nach der Impfung können die chinesischen und französischen Hühner also durchaus infiziert werden und selbst Artgenossen anstecken, obwohl sie gar nicht erkranken.

Genau das geschieht seit 1999 auch in Norditalien, wo sich Geflügelbestände einen Verwandten des H5N1-Virus eingefangen haben, den Virologen als H7N1 kennen. Da dieser Erreger ebenfalls eine tödliche Geflügelpest verursacht, schützten die Bauern ihre Tiere mit einer Impfung. Seither werden die Tiere zwar nicht krank, das Virus aber werden die Italiener auch nicht mehr los. Damals wurde befürchtet, H7N1 könnte den Sprung über die Alpen schaffen und in Deutschlands Geflügelställen ein Massensterben auslösen.

Weil der Erreger weiter in den Vögeln stecken kann und auch eine Unterscheidung zwischen geimpften Tieren und infiziertem Geflügel ohne Impfschutz schwerfällt, verbieten andere Länder häufig den Import von Tieren oder deren Fleisch aus Gebieten, in denen geimpft wird. Vermutlich spielen da auch Wirtschaftsinteressen eine Rolle. Kann man sich doch so einen lästigen Konkurrenten auf dem Geflügelmarkt vom Leib halten.

Aus solchen Gründen empfehlen Experten bisher auch in Deutschland, von Impfungen abzusehen. Noch besteht schließlich die gute Chance, mit entsprechenden Maßnahmen H5N1 von deutschen Ställen fernzuhalten. Läßt der Bauer keine Fremden auf den Hof, die das Virus einschleppen könnten, verhindert er den Kontakt mit möglicherweise infizierten Wildvögeln durch entsprechende Maßnahmen und tappt selbst über eine Desinfektionsmatte, bevor er seine Hühner füttert, könnte das klappen.

Gleichzeitig aber sollte die Zulassung des ja bereits vorhandenen Impfstoffes in Deutschland und die Entwicklung besserer Impfungen vorangetrieben werden, fordert Lothar Wieler. Denn zum einen könnte man damit zum Beispiel Vögel in Zoos vor einer Infektion schützen, bei denen keinerlei wirtschaftliche Interessen eine Rolle spielen. Und zum anderen könnte sich die Situation hierzulande rasch ändern.

So befürchtet der Vogelforscher Hans-Ulrich Rösner von der Naturschutzorganisation WWF in Husum, daß H5N1 so schnell nicht aus Wildvögeln getilgt sein wird. Wer Hühner, Enten, Gänse und Puten aber nicht ganzjährig im Stall halten will, wird ums Impfen nicht herumkommen. Auch wenn das Virus auf Nutzgeflügel überspringt und Massentötungen eine Epidemie nicht stoppen können, werden die Behörden eine Impfung wohl ebenfalls zulassen müssen.

 

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