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Deutschland

In zwei Stunden zehn Tiere eingesammelt

Vogelgrippe: Das Virus hat Norddeutschland erreicht, die Notfallpläne laufen an. Auf Rügen wurde auch ein infizierter Habicht gefunden. Einsatzteams müssen Schutzanzüge und -masken tragen.

Wittow/Rügen. Vor dem Zugang zum Strand flattern rot-weiße Absperrbänder in der eisigen Februarluft. Dahinter liegt ein Schwan völlig erschöpft auf dem Gras. Man sieht: Er kämpft verzweifelt um das letzte bißchen Leben, das in ihm ist. Immer wieder hebt er den langen Hals, verdreht ihn - als ob er um Hilfe schreien möchte. Ein Stück weiter auf dem zugefrorenen Bodden und an der Böschung sind mehr Schwäne. Viele tot. Und auf dem anderen Ufer auch. Männer und Frauen in weißen Schutzanzügen und großen Plastiksäcken marschieren in langen Gummistiefeln durch den Vogelkot, sammeln die Kadaver ein. "In zwei Stunden haben wir neun Schwäne und eine Gans eingesammelt", sagt Amtstierarzt Torsten Diehl (38) und schiebt die Atemmaske hoch. 100 Vögel waren es gestern insgesamt.

Kälte, Hunger, völlige Entkräftung, niemand weiß, woran die Wildvögel auf Rügen in Massen sterben. Das ist immer so zum Winterende, aber jetzt herrscht Alarmstimmung: Hier, an der Wittower Fähre im Norden der Ostseeinsel, wurden Schwäne mit dem Verdacht auf das gefährliche Vogelgrippe-Virus gefunden. Die ersten Fälle in Deutschland. Gestern wurde bekannt, daß einige Kilometer weiter im Norden bei Dranske ein Habicht an dem H5N1-Virus verendet ist. Ein Jäger hatte ihn bereits vor Tagen gefunden. Rügen im Ausnahmezustand. Gestern morgen trat ein lokaler Krisenstab zusammen, parallel zu denen in Schwerin und Berlin. "Ich habe nicht damit gerechnet, daß wir die ersten sind. Jetzt ist es anders, und wir müssen damit umgehen", sagt Kerstin Kassner (PDS) tapfer. Sie ist die Landrätin der Urlaubsinsel.

Seit zwei Tagen läuft inzwischen der Notfall-Plan: Um beide Fundorte wurden im Umkreis von drei Kilometern Schutzzonen und im Umkreis von zehn Kilometern Beobachtungszonen gezogen: Ab sofort absolutes Transportverbot für Geflügel, Stallpflicht, Desinfektionsanlage. Fritz Siewit (59) wohnt mittendrin in Fährhof. "O Gott, habe ich nur gedacht, als ich das mit der Vogelgrippe gehört habe", sagt er. In Holzpantinen geht er über den Hof hinter seinem kleinen Haus am Dorfrand. So richtig glauben will er an die drohende Gefahr noch nicht. "Bislang hat sich noch niemand Offizielles bei mir gemeldet." Trotzdem hat der arbeitslose Schlosser seine zehn Hühner, den Hahn und drei Enten schon am Montag in den Stall gesperrt. "Wegen des Habichts, der mir zwei weggeholt hat." Bedenken, daß sich seine Hühner angesteckt haben könnte, hat er nicht. "Aber wenn das mit der Arresthaltung so bleibt, werden alle geschlachtet."

Genau weiß niemand, wie viele Hühner, Enten und Gänse es in den Schutzzonen gibt. "Gewerbliche Betriebe sind nicht dabei", sagt Kreisveterinär Bernd Nostitz. Heute sollen die klinischen Untersuchungen in den Bestände starten. "Wir müssen ausschließen, daß sich Hausgeflügel infiziert hat." Als Verstärkung für seine beiden Amtsärzte sind zwei Kollegen aus Schwerin angereist. "Wir kontrollieren hart, ob alle Maßnahmen eingehalten werden", sagt der Tierarzt. Auch die Polizei ist verstärkt im Einsatz. "Wenn wir Verstöße, beispielsweise bei Geflügeltransporten feststellen, werden wir das extrem hart ahnden." Alle wissen: Solange keine weiteren Vogelgrippe-Erreger gefunden werden, hält sich die Katastrophe in Grenzen. Und wenn doch? "Dann greift der nächste Maßnahmenplan", sagt Nostitz. Über Massentötungen, Quarantäne und mögliche Ansteckungsgefahren will er nicht reden.

Bislang reagieren die Rüganer gelassen. Gerade mal "ein mulmiges Gefühl" gesteht sich Matthias Lindner (22) zu. "Der Vogelzug ist nun mal hier bei uns vor der Tür, da muß man durch", sagt Günter Steinberg (76), dessen Haus direkt an der Wittower Fähre steht. Ein paar Gärten weiter läuft sogar noch ein Huhn im Garten. "Ich bin ein bißchen vorsichtiger, lasse den Hund jetzt an der Leine", meint Nachbarin Petra Jilek (46) und versucht ihren Labrador Bonny vom Strand zurückzuziehen. Von einer Panikmache will sie sich nicht anstecken lassen. "Es wird doch alles getan", sagt sie. "Ich habe keine Angst", pflichtet ihre Mutter Christa Kubiak (79) ihr bei. "Ich fasse die Vögel doch nicht an."

"Es besteht für niemand auf der Insel eine Gefahr, wenn er sich entsprechend verhält", wiederholt auch Tourismuschef Thomas Wuitschik immer wieder an diesem Tag. Bislang mache er sich noch keine Sorgen um die Urlaubsinsel. Ängstliche Anrufe oder gar Absagen habe es noch nicht gegeben, nur einige Anfragen nach Verhaltensregeln. Auch im Ramada Hotel Rügen in Bergen gibt es noch keine aufgeregten Nachfragen. Ein Paar aus Göttingen hat noch gar nicht richtig mitbekommen, was eigentlich los ist. "Wir hoffen, daß keine Hysterie geschürt wird. Das wäre fatal am Beginn der Saison", sagt Ramada-Bankett-Chefin Andrea Beinhoff (40). "Wenn trotzdem jemand stornieren will, werden wir das kulant handhaben." Tatsächlich ist der Vogelgrippe-Verdacht aber noch gar nicht endgültig bestätigt. Erst heute werden die Ergebnisse aus London erwartet. Trotzdem hat Gesundheitsamtsleiterin Inge Schmidt die Sicherheitmaßnahmen für die Personen, die mit Wildvögeln zu tun haben, verschärft: "Wir empfehlen, zweimal am Tag Fieber zu messen. Wenn Symptome auftreten, zum Arzt zu gehen und uns melden." Außerdem bekommen alle das Anti-Grippe-Mitte Tamiflu - vorsichtshalber. Das gilt auch für die Einsammler an der Wittower Fähre.

 

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