30.01.06

Schäuble warnt vor atomarem Terror-Anschlag

Schmutzige Bombe: Attentat mit radioaktiv verseuchtem Sprengsatz nur eine Frage der Zeit? Deutsches Terror-Abwehrzentrum mit 180 Mitarbeitern gegründet. Experten: Panikmache.

Berlin. Bundesinnenminister Wolfgang Schäuble (CDU) hält die Gefahr von Terror-Anschlägen mit "schmutzigen Bomben" für eine realistische Option. "Tatsächlich läßt die Verbreitung von Massenvernichtungswaffen oder schmutzigem Material die Gefahr wachsen, daß wir mit solchen Bedrohungen durch den internationalen Terrorismus rechnen müssen", sagte Schäuble der "Welt am Sonntag". "Die Frage ist wohl nicht mehr, ob es einen Anschlag mit einer schmutzigen Bombe geben wird, sondern die Frage ist, wann und wo es ihn geben wird."

Schäuble sagte auf die Frage, ob es entsprechende Hinweise auch in Deutschland gebe: "Daß in Kreisen terroristischer Aggressoren - das weiß man aus vielem, was man im Internet und sonstwo abfangen kann - solche mehr oder weniger perversen Überlegungen angestellt werden, ist leider nicht von der Hand zu weisen." Bei sogenannten schmutzigen Bomben handelt es sich um einen konventionellen Sprengsatz mit radioaktiver Beimischung. Konkrete Beschaffungsaktivitäten seien den Sicherheitsbehörden bislang nicht bekannt, räumte Schäuble allerdings ein.

Der Bundesinnenminister verwies in diesem Zusammenhang auch auf die politische Entwicklung im Iran. Zwar gebe es keine "konkreten Erkenntnisse" darüber, daß Iran Nuklearmaterial an Terrorgruppen weitergeben wolle. "Andererseits haben wir Äußerungen aus der iranischen Staatsführung gehört, von denen man annahm, daß es unvorstellbar sei, daß sich das Staatsoberhaupt eines zivilisierten Landes so äußern würde", sagte Schäuble.

Generell gäben die Ereignisse im Iran Anlaß zu größter Sorge. "Was dort passiert, kann sich nicht nur auf die Energiepreise auswirken, sondern eben auch auf die äußere und innere Sicherheit", sagte der Bundesinnenminister. Der Ausgang der Wahl in den Palästinensergebieten könne die Situation im Nahen und Mittleren Osten zusätzlich destabilisieren. Die teilweise Auflösung von staatlichen Strukturen führe zu veränderten Gefahrenlagen und Bedrohungsszenarien.

In Deutschland wurde ein Terrorismusabwehrzentrum eingerichtet, in dem 180 Spezialisten aus Bund und Ländern zusammenarbeiten. Die Experten vom Bundeskriminalamt, den Landeskriminalämtern, vom Verfassungsschutz, Bundesnachrichtendienst, Militärischen Abschirmdienst, von der Generalbundesanwaltschaft und dem Bundesamt für Migration und Flüchtlinge sammeln Informationen und bündeln ihre Erkenntnisse. Sie schätzen auch die Gefährdungslage ein.

Sollte ein Anschlag mit einer "schmutzigen Bombe" nicht verhindert werden können, werden Einsatzkräfte des Bundesamtes für Bevölkerungsschutz und Katastrophenhilfe (BBK) das Ausmaß der Kontamination feststellen und geeignete Maßnahmen einleiten. In jedem Fall ist laut BBK der Aufenthalt in Häusern oder geschlossenen Autos besser als unkoordinierte Flucht ins Freie. Dies gilt besonders für die Zeit, in der noch radioaktives Material in der Luft schwebt.

Der Terrorismus-Experte Rolf Tophoven warf Schäuble Panikmache vor. Anschläge mit "schmutzigen Bomben" seien derzeit unrealistisch. Tophoven sagte der "Berliner Morgenpost": "Zugespitzt formuliert betreibt Schäuble kostenlose Propaganda für Terroristen." Anschläge mit radioaktiv verseuchten Bomben seien zwar denkbar, aber nicht in naher Zukunft. Terroristen hätten noch nicht das Wissen, um eine solche Bombe zu bauen. Die Diskussion sei überzogen und führe nur zu Hysterie. Das Ziel von Terroristen sei es, schnell und sichtbar Schrecken zu verbreiten. "Ein Terrorist hat nichts davon, wenn seine Opfer erst nach Jahren durch radioaktive Strahlung an Lungenkrebs sterben." Andere Experten meinen, der Bau der "schmutzigen Bombe" sei derzeit unwahrscheinlich, weil sich die Bombenbauer als erste verseuchen würden.

HA
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