Zu wenige Ärzte im Osten, zu viele in Großstädten
Studie: Gesundheitsministerium fordert Steuerung neuer Niederlassungen.
Berlin. Auf dem Land fehlen sowohl im Osten als auch im Westen Haus- und Fachärzte. Das besagt ein Gutachten im Auftrag des Gesundheitsministeriums, das Staatssekretär Theo Schröder gestern in Berlin vorstellte. Von 600 leerstehenden Praxen Ende 2004 lagen laut Kassenärztlicher Bundesvereinigung 80 Prozent im Osten. Im Westen sind dünnbesiedelte Gebiete wie das Emsland oder die Schwäbische Alb vom Ärztemangel bedroht. Ballungsräume wie Hamburg haben hingegen eine Überversorgung.
Der Praxenleerstand ist erstaunlich, weil die Zahl der Ärzte bundesweit angestiegen ist. 1991 gab es 298 000 Mediziner, 2002 waren es sogar mehr als 380 000. Das Ministerium ließ nun untersuchen, warum immer mehr junge Ärzte in verwandte Berufe abwandern, etwa ins Gesundheitsmanagement, in die Industrie oder zu Verbänden. Die Gründe sind familienfeindliche Arbeitszeiten, Wiedereinstiegsprobleme nach Kinderpause oder Auslandsaufenthalt und strikte Krankenhaus-Hierarchien. Eine bessere Bezahlung hat demnach keine Priorität. Befragt wurden 4600 Ärzte und 4900 Studenten.
Schröder forderte die Kassenärztlichen Vereinigungen auf, schnell etwas gegen den Ärztemangel im Osten zu tun. Bei einer drohenden Unterversorgung könnten sie die Niederlassung junger Ärzte steuern, indem sie für den Berufsstart Umsatz- oder Einkommensgarantien gäben. Denn nur wenige West-Studenten wollen im Osten arbeiten. Der Mangel werde sich zukünftig verschärfen, da viele der heutigen Ärzte in Rente gingen, sagte Schröder. Kurzfristig sei es daher hilfreich, wenn ostdeutsche Ärzte bis zum 68. Lebensjahr arbeiteten. Die Regierung wolle nicht "per Dekret" eingreifen, sagte Schröder - auch wenn ostdeutsche Kliniken ausländische Ärzte anwerben, während deutsche Ärzte vermehrt ins Ausland (vor allem Skandinavien) gehen.
Durch Gesetze sei bereits der schlechtbezahlte Berufseinstieg als "Arzt im Praktikum" abgeschafft und damit die Ausbildungszeit um 18 Monate verkürzt worden. Um den Arztberuf attraktiver zu machen, müßte die Vereinbarkeit von Familie und Beruf, zum Beispiel durch Teilzeitbeschäftigung, gefördert werden.



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