Der Gipfel der guten Gesten
Kommentar
Die Jahreszeit verleitet dazu, auch an dieser Stelle im deutsch-amerikanischen Verhältnis den Begriff vom politischen Tauwetter noch einmal zu strapazieren, zumal der transatlantische Winter selten frostig war. Vorbei. Deutschland und Amerika wollen ihren erbitterten Streit um den Irak-Krieg hinter sich lassen und sich gemeinsam den Herausforderungen der Zukunft wie der globalen Bedrohung durch den Terror stellen. Das ist die Botschaft des Treffens von US-Präsident Bush und Bundeskanzler Schröder in Mainz, bei dem beide gleichermaßen dem Charme des Augenblicks erlegen sind. Bush umschmeichelte Deutschland als "großartiges Land" und "Herz Europas", und so war Schröder nun seinerseits hocherfreut und geizte nicht mit Artigkeiten.
Viel mehr war nicht. Ein Gipfel der guten Gesten, weitgehend ohne Gehalt. Daß beide Seiten dennoch soviel Brimborium darum machen, darf als Gradmesser dafür gelten, wie tiefgefroren die Beziehungen tatsächlich waren. Ein Ärgernis der besonderen Art ist in diesem Zusammenhang auch die zunehmende Personalisierung von Politik. Partnerschaft muß doch nicht immer gleich dicke Freundschaft sein! Die offenbar auf Gegenseitigkeit beruhende Abneigung von Schröder und Bush hat die Annäherung der Länder gewiß nicht gefördert.
Glücklicherweise ist dennoch beiderseits des Atlantiks die Einsicht gereift, daß Deutschland und Amerika einander brauchen, auch um der gemeinsamen werteorientierten Basis willen. Schröders Würdigung der "gleichberechtigten Freundschaft" beider Länder kann so gesehen zwar als raffinierte Kritik an der bestehenden Hierarchie, der Dominanz der USA, gelten. Aber gleichzeitig auch als Eingeständnis der eigenen Loyalitätsschwäche gegenüber der einstigen und künftigen Schutzmacht USA. Jetzt also wollen sie sich wieder zusammenraufen, ob beim Atomstreit mit dem Iran oder im Klimaschutz. Mit Sicherheit werden diese Aufwallungen modifiziert werden müssen. Ein plötzlicher Wintereinbruch ist da noch nicht ausgeschlossen.



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