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Deutschland

Wer ist eigentlich Horst Köhler?

Der Kandidat: Ungeduldig, kritisch, selbstbewusst - und so welterfahren wie keiner seiner Vorgänger.

Kleve. Deutschland wird im Mai, wenn alles gut geht, einen Bundespräsidenten neuen Typs haben - einen "Roman Herzog mit Wirtschaftsverstand", einen Mann, der die Probleme der Wachstums- und Wettbewerbs-schwäche mit klarem, man kann sagen eisernem Blick ins Visier nimmt - einen Reformpräsidenten.

Horst Köhler ist der richtige Mann für schwere Zeiten, intimer Kenner der internationalen Szene seit Kohl und Waigel, Formulierer komplizierter Verträge in Deutschland, in der EU, mit der Noch-Sowjetunion und in der Banker-Rolle mit Dutzenden von Staaten. Als Chef des Internationalen Währungsfonds (IWF) fungiert er als "Troubleshooter" der globalisierten Welt in Argentinien, Pakistan, Indonesien - kurz, Köhler ist ein weltläufiger Wirtschafts- und Politmanager unserer Epoche.

Welch ein Wandel. Es ist angemessen, seine Vorgänger mit Respekt zu betrachten - doch fallen fundamentale Unterschiede in den Blick. Das Grundgesetz hat ein verfassungsrechtlich schwaches Staatsoberhaupt gewollt, so dass die Stärken sich in der Charakterperson, im geistigen Einfluss, im moralischen Appell zur Geltung bringen müssen.

Diese Repräsentationsidee wurde mal gut, mal weniger gut verkörpert. Heuss, Heinemann, Scheel und Carstens waren politische Begabungen ganz unterschiedlicher Art. Lübke, früher Landwirtschaftsminister, neigte zur Einfachheit. Der Diplomat Erwin Wickert schildert in seinen Memoiren, wie Lübke bei seinem Staatsbesuch in Paris Staatspräsident de Gaulle zu einem westfälischen Wurstbankett in die deutsche Botschaft einladen wollte. Nur mit Mühe konnte der "Anschlag" verhindert werden.

Weizsäcker war für viele Deutsche ein Ersatzmonarch, geistdurchdrungen und pädagogisch, wie seine berühmte Rede zum 40. Jahrestag der deutschen Kriegsniederlage zeigte. Das Ethos, auf die Menschen "zuzugehen", sich für Frieden und Schuldgedenken einzusetzen, entwickelte in seiner Person einen vornehmen Gestus. Bei Rau steigerte sich dieser Gestus noch, während der Inhalt seiner Aussagen dem Anspruch kaum genügte.

Bleibt wirklich Roman Herzog, der mit seinem Pragmatismus, mit Ideen für die Nutzanwendung ("Ruck-Rede") an Horst Köhler erinnert. Köhler ist sachorientiert, bei weitem nicht so sarkastisch wie Herzog. Oft zurückhaltend, ja still, entwickelte er bei den großen Konferenzen zur Vorbereitung des Vertrags über die Europäische Union zum Erstaunen der Journalisten eine faszinierende Beredsamkeit. Dabei ließ er einen klaren und festen politischen Willen erkennen, der bei beamteten Staatssekretären eher selten ist.

Köhler war nicht nur "Sherpa", Wegbahner und Lastenträger Kohls, sondern ein "Mandarin" - unerhört selbstbewusst in der Hülle der Bescheidenheit. Man sah es ihm an - der in Polen geborene Bauernsohn hat eine schwere Jugend mit Flucht und Entbehrungen verbracht. Studium und Karriere musste er sich hart erarbeiten. 1993 machte er familiäre Gründe geltend, um ins Bankfach überzuwechseln. Waren sie maßgebend? Reif für ein Ministeramt war er längst, doch die Kohl-Kabinette boten dem CDU-Mitglied keinen fachlichen Einstieg.

Zum Verhandlungspartner zahlloser Präsidenten und Regierungschefs wurde er in der großen Bankkarriere. Der designierte Bundespräsident tritt sein Amt mit dem Bonus unvergleichlicher Personen- und Problemkenntnis an. Köhler blickte hinter alle Kulissen. Wenn er bei Staatsbesuchen das Defilee abschreiten wird, hat er die Schulden, die voraussehbaren Wünsche, die Nöte und Chancen hinter dem Gepränge im Kopf. Die diplomatischen Berater, die frühere Bundespräsidenten mühsam in die Lage der Gastländer einweisen mussten, könnten arbeitslos werden.

Auch für die Politiker des eigenen Landes, für Kanzler, Parteiführer und "gesellschaftlich rele-vante Kreise", wird Köhler kein einfacher Gesprächspartner sein. Wer Wirtschaften und Gesell-schaften Dutzender von Staaten aus härtesten Finanzverhandlungen kennt und dazu noch über das stupende Gedächtnis des gelernten Wirtschaftswissenschaftlers verfügt, weiß genau, wo der deutsche Schuh drückt. Mit sanften Reden im Weihestil ist nicht zu rechnen. Köhler ist sich bewusst, dass man die Menschen "abholen" muss. Wichtiger erscheint es ihm jedoch, sie in Bewegung zu setzen.

Was beschäftigt ihn, wohin weisen seine Grundgedanken? Wer ihn über Jahre beobachtet hat, sieht in ihm einen überzeugten Deutschen und Europäer, der sich einen "Euro ohne Staat", ohne staatsvergleichbare Gestalt Europas nicht vorstellen kann. Dem Gedanken der gewaltigen EU-Erweiterung begegnete er mit Vorsicht. Er sorgt sich um die Stabilitätspolitik, gegen die Deutschland und andere verstoßen. Der Euro wird den Wettbewerb in Europa härter machen, sagte er schon 1997 voraus.

Dafür muss Deutschland gerüstet sein. Deshalb gehen die Reformen, die Köhler für erforderlich hält, weit über das Maß der amtierenden Regierung und selbst der Opposition hinaus. Wirtschaft hält Köhler nicht für etwas "Materielles", wie Rau, sondern wie einst Rathenau für den Kern nationaler und europäischer Existenz. Sein Augenmerk gilt jedoch dem Bildungsdefizit. Das Elend in der Welt ist, wie er nach Einblicken in tiefe Not erklärte, nicht der Mangel an Brot, sondern Folge der Verschleuderung humanen Kapitals.

Deutschland importiert mit Köhler internationale Erfahrung. Der von Natur ungeduldige und kritische Mann tritt im höchsten Staatsamt einem Volk gegenüber, das mit kluger Hand wieder auf die Höhe seiner Leistungskraft gebracht werden muss. Für manche Deutsche mag das neu sein, nicht für ihn. Aber Köhler ist kein kalter "Macher". Bei aller Ruhelosigkeit orientiert sich sein Leben an der Familie, die in Meckenheim bei Bonn blieb, während er als Sanierer durch die Welt reiste. Bei der Familie schlage sein Herz, bekannte er nach einem Monsterkonferenztag der EU bei einem Nachtgespräch.

 

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