Mit ihrem Latein am Ende
Behörden-Irrsinn Teil 1: Die Studentin, die ihr Latinum zweimal machen muss.
Hamburg. Ginge es nach Nina Nolden, würde sie dieser Tage an einem Gymnasium Französisch und Sport unterrichten - stattdessen büffelt die 23 Jahre alte Lehramtsstudentin aus Wedel jedoch Latein. Schuld daran sind Bürokratie-Hengste aus Hamburg, die im Fall der angehenden Lehrerin besonders laut wieherten. Denn ohne das so genannte kleine Latinum, beschied ihr das Lehrprüfungsamt in Hamburg, dürfe sie nicht zur Examensprüfung antreten. "Wie gut, dachte ich mir da", erinnert sich Nolden, "dass ich das kleine Latinum ja schon an meinem Gymnasium in Wedel abgelegt hatte." Das jedoch, erfuhr die verblüffte Studentin, wird in Hamburg - keine drei Kilometer von Wedel entfernt - nicht anerkannt. Die Begründung dafür ist reichlich absurd: In Schleswig-Holstein erhält man das kleine Latinum nach drei Jahren mit jeweils vier Stunden Unterricht pro Woche. In Hamburg nach vier Jahren mit drei Wochenstunden. Unterm Strich ist also in beiden Bundesländern die gleiche Anzahl von Stunden nötig. "Das Prüfungsamt hat mir jedoch erklärt, dass Hamburger Schüler in dieser Zeit wesentlich mehr Stoff durchnehmen und auch ein Jahr länger lernen", berichtet Nolden. "Deshalb sei das Latinum in Wedel nicht mit dem in Hamburg gleichzusetzen." Außerdem würde man in der Hansestadt ja zudem noch den "Gallischen Krieg" von Cäsar durchnehmen. "Mein Einwand, dass wir nicht nur Cäsar, sondern auch noch weitere römische Texte gelesen hatten, interessierte aber niemanden mehr", klagt die Lehrerin in spe. Und so kommt es, dass sich Nina Nolden derzeit eben nicht auf den Unterricht, sondern auf eine Lateinprüfung vorbereitet, die sie laut Abitur-Zeugnis vom 24. September 1999 im Johann-Rist-Gymnasium zu Wedel bereits einmal erfolgreich abgelegt hatte. Den Prüfungsstoff erarbeitet sie sich im Übrigen selbst, da ein Lateinkursus um die 500 Euro kostet. "Zu viel für mich", sagt die Studentin. "Immerhin habe ich in den letzten eineinhalb Jahren wegen dieser Sache nicht nur viele Nerven, sondern auch einiges an Geld investiert." Nolden wollte nämlich diesen Bürokraten-Unsinn, der für sie einen Zeitverlust von mindestens einem Semester bedeutet, nicht so einfach hinnehmen. Sie schrieb Ämter und Politiker an, wandte sich an den Landtag von Schleswig-Holstein und schaltete sogar einen Anwalt ein, der sich die Sache einmal ansehen sollte. "Allein der Anwalt hat 300 Euro gekostet", klagt sie, "dazu kommen noch 80 Euro Gebühr für die Lateinprüfung. Von meinem Nervenkostüm will ich gar nicht reden." Der Kampf mit dem Amtsschimmel sei ihr ordentlich an die Substanz gegangen. Nina Nolden wird also kommende Woche ihre Prüfung für das kleine Latinum ablegen, um für die Examensprüfung im kommenden Februar zugelassen zu werden. Dass das überhaupt nötig ist, kann sie nach wie vor kaum fassen: "Im Moment erscheint es mir einfacher, einen Studienwechsel in jedes andere Land Europas vorzunehmen, als einen Wechsel von Wedel nach Hamburg."



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