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Deutschland

Er mischt sich ein - "um Gottes Willen"

Wolfgang Huber: Seine Partei war die SPD, seine Mission ist der Glaube. Auch als neuer Ratsvorsitzender der Evangelischen Kirche will der Bischof politischer Akteur bleiben.

Hamburg. In seinem Arbeitszimmer am Berliner Bischofssitz steht eine Büste des 1945 von den Nazis hingerichteten Theologen Dietrich Bonhoeffer. "Mal lächelt er mich an, mal grollt er mit mir", erzählt Wolfgang Huber (61) gern Besuchern. Seit gestern ist er höchster Repräsentant der 26,5 Millionen Protestanten in Deutschland und wird damit sechs Jahre lang als Ratsvorsitzender die wichtigste Stimme der Evangelischen Kirche in Deutschland (EKD) sein. Und es ist gewiss kein Zufall, dass er neben Bonhoeffer auch den Schweizer Theologen Karl Barth verehrt, auch ein Gegner des Nationalsozialismus. Beide standen für ein politisches Kirchenverständnis. Wird Huber dem deutschen Protestantismus also vor allem ein neues politisches Profil geben? Ein Blick auf seine Biografie könnte diese Vermutung bestätigen, ebenso seine Ankündigung, auch als Ratsvorsitzender wolle er sich weiter in die Politik einmischen, "nicht als politischer Akteur unter anderen, sondern um Gottes Willen für die Menschen". Huber ist nicht nur Theologe, sondern auch Kirchenhistoriker. Zum Verhältnis von Staat und Kirche veröffentlichte er mit seinem Vater, dem Rechtslehrer Ernst Rudolf Huber, ein fünfbändiges Werk. Menschenrechte und Friedensethik gehören zu den bevorzugten Themen des scharfen Analytikers und brillanten Redners, der in Politik und Medien gern gesehener Gesprächspartner ist. Als Hauptstadt-Bischof steht er im Rampenlicht an der Schnittstelle von Kirche und Gesellschaft, von Ost und West. Sein politisches Engagement hat er auch durch seine Mitgliedschaft im Nationalen Ethikrat unterstrichen, die er jetzt aber niederlegen will. In der Debatte zur Biotechnologie vertrat er bislang eine klare Position zum Schutz des Lebens. Huber lehnt deshalb auch aktive Sterbehilfe ab. Für das theologische Selbstverständnis des neuen EKD-Präses ist gesellschaftliche Einmischung auf christlicher Grundlage unverzichtbar. Huber hat sich stark für Asylbewerber eingesetzt und für den Religionsunterricht in Berlin und Brandenburg gekämpft. Im Streit um Kopftücher islamischer Lehrerinnen sprach er sich gegen das Tragen in der Schule aus. Der Theologe war über lange Zeit beim Deutschen Evangelischen Kirchentag aktiv, unter anderem als Präsident des Kirchentags 1985 in Düsseldorf und als gastgebender Bischof des Ökumenischen Kirchentages 2003 in Berlin. In der Friedensbewegung der 80er-Jahre kämpfte er gegen die NATO-Nachrüstung. Im öffentlichen Gedächtnis haften blieb sein damaliger Disput mit Verteidigungsminister Hans Apel auf dem Hamburger Kirchentag (1981). Auf eine Bundestagskandidatur für die SPD verzichtete er 1993 und zog sich mit der Bischofskandidatur aus der Parteipolitik zurück. Seine Mitgliedschaft ruht seitdem. Kritische Stimmen, die gegen Hubers linke Vergangenheit polemisieren, sind in letzter Zeit schwächer geworden. Huber, der verheiratet ist und drei Kinder hat, stammt aus einer konservativen Juristenfamilie. Er wurde am 12. August 1942 im damals deutsch besetzten Straßburg geboren, wo sein Vater Ernst Rudolf Jura-Professor war und dem NS-Regime nahe stand. Seine Mutter Tula, ebenfalls Juristin, war Tochter des früheren Reichsaußenministers Walter Simons (1920/21), der später Präsident des Reichsgerichts war. Huber selber bezeichnet sich als "sozialen Demokraten", dem die "liberalen Freiheitsrechte so wichtig sind wie soziale Gerechtigkeit". Seine Theologenlaufbahn hatte mit dem Studium in Heidelberg, Göttingen und Tübingen begonnen, wo er 1966 promovierte. Sein Vikariat absolvierte er in Reutlingen. 1968 trat er in die Forschungsstätte der Evangelischen Studiengemeinschaft in Heidelberg ein, deren Institut er von 1973 an stellvertretend leitete. 1980 erhielt Huber einen Ruf als Professor für Sozialethik nach Marburg, 1984 kehrte er auf einen Lehrstuhl für Systematische Theologie mit Schwerpunkt Ethik nach Heidelberg zurück. 1993 wurde er Nachfolger des Berliner Bischofs Martin Kruse. Die Landeskirche ist geprägt von Mitgliederschwund und Finanzproblemen; Huber musste tief greifende Strukturreformen einleiten. Theologisch hat er sich stets dafür ausgesprochen, dass sich die Kirche nicht hinter ihre Mauern zurückziehen dürfe: Die Kirche müsse zu den Menschen gehen, wenn diese nicht mehr zur Kirche kommen. Nach seiner mit großer Mehrheit erfolgten Wahl (121 von 135 Stimmen), die auch als bewusste Entscheidung der Synodalen für die Einheit der Kirche zu verstehen ist, kündigte Huber umfassende Reformen innerhalb der EKD an, die der Dachverband für 24 teils sehr unterschiedliche Gliedkirchen ist. "Strukturreformen sind notwendig, aber sie dürfen nicht zu einer Beschäftigung der Kirche mit sich selbst werden", warnte der neue EKD-Präses. Eine der größten Herausforderungen der EKD sieht Huber darin, der ostdeutschen Kirche wieder auf die Beine zu helfen. Dabei soll ihm sein Stellvertreter Christoph Kähler, Bischof in Thüringen, helfen. Kähler hat selbst in der DDR die "gezielte und brutale Entkirchlichung" erlebt. Rund 70 Prozent der Menschen dort seien konfessionslos. Man müsse diesen Menschen zeigen, wie menschenfreundlich die Bibel sei, sagt der 59-jährige Theologieprofessor. Mit Huber, Kähler und der Vorsitzenden der EKD-Synode, Barbara Rinke, sind die Spitzenpositionen der evangelischen Kirche mit Vertretern besetzt, die aus Ostdeutschland stammen oder dort zumindest ihren größten Wirkungskreis haben. Für Huber ist das "ein deutliches Signal, dass die Leitungsämter nicht mehr nach Proporz vergeben werden". Schwierig, das hat die Synode ebenfalls gezeigt, ist auch das Verhältnis der Kirche zur Politik - besonders wenn es darum geht, nicht vereinnahmt zu werden. Zwar betonen sowohl Huber als auch der scheidende Ratsvorsitzende Manfred Kock die Notwendigkeit von Reformen, um das gesamte Sozialsystem vor dem Zusammenbruch zu retten. Allerdings müssten diese auch sozial ausgewogen sein, heißt es an die Adresse der Politik. Und auch in der Frage der Ökumene, des Verhältnisses zur katholischen Kirche, steht die EKD vor neuen Herausforderungen. Hier setzt Huber auf Kontinuität, will den diplomatisch-offenen Kurs seines Vorgängers fortführen und in das Miteinander das eigene protestantische Profil einbringen. Sechs Jahre haben Huber und Kähler Zeit, all diese Herausforderungen zu bewältigen. Dann wird die Synode ihre Nachfolger wählen. Vielleicht schlägt dann auch die Stunde der hannoverschen Landesbischöfin Margot Käßmann, die im Vorfeld der Synode mit zu den Favoriten gehörte. Dies Mal war das Kollegium wohl für den Generationenwechsel noch nicht bereit.

 

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