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Deutschland

Die Nacht, als Brandt an Selbstmord dachte

Politthriller: Was führte wirklich zum Rücktritt Willy Brandts? Der Journalist Hermann Schreiber enthüllt in dem neuen Buch "Kanzlersturz" bislang unbekannte Details eines deutschen Dramas.

Hamburg. "High noon am Nachmittag und bei Nebel, ausgestorbene Straßen, die Geschäfte geschlossen, die meisten Kneipen verlassen, als wäre Polizeistunde . . . Schließlich ein paar Schritte entlang der Steilküste, Brandt mit Prinz-Heinrich-Mütze hoch über dem roten Felsen. Nur kärgliches Gelände und Warntafeln, über die der Kanzler hinwegsah, markierten die Grenze zwischen Gipfel und Abgrund. Symbolik, so billig wie aus dem Schlussverkauf, drängt sich selbst solchen Begleitern auf, die nicht ahnten, was Brandt am Mittag dieses Tages zu lesen bekommen hatte, und nur einer oder zwei hörten, was er murmelte, als er hinunter in die Brandung sah: "Wäre auch kein Verlust, wenn man da runterfiele!"" Der "Spiegel"-Reporter Hermann Schreiber bekam die Kanzlerworte mit, weil er dem Regierungschef der Bundesrepublik Deutschland am Klippenrand von Helgoland wie so oft ganz nahe war - damals, an jenem 1. Mai 1974, als Willy Brandt dicht am Rand der politischen Weltbühne stand, von der er fünf Tage später stürzen sollte. "In jener Nacht auf Helgoland dachte Willy Brandt daran, seinem Leben ein Ende zu machen", schreibt der Augen- und Ohrenzeuge 29 Jahre danach in seinem Buch "Kanzlersturz - Warum Willy Brandt zurücktrat", das am 17. September 2003 erscheint. Dazu passt die Aussage von Brandts Parteifreund Holger Börner, dem der Kanzler a. D. es später noch deutlicher gemacht hat: "Wenn ich in dieser Nacht einen Revolver gehabt hätte, hätte ich mich erschossen!" Was Schreiber, nach langem Zögern offenbar, geschrieben hat, ist die intime Innenansicht eines politischen Dramas, das die Bundesrepublik zwei Wochen lang erschüttert hatte. Sie liest sich wie ein Politthriller mit Tätern, Intriganten, Versagern, Schurken und einem mitschuldigen Opfer. Helden allerdings sind nicht zu finden. Es sei denn, man zähle jenen Geheimdienstchef dazu, der heute noch den ehemaligen Gegenspielern im Westen eine Nase dreht. Ort und Personen des politischen Kriminalfalles Brandt/Guillaume sind bekannt: Haupttäter Günter Guillaume, im Mai 1956 als Agent in die Bundesrepublik eingeschleust, machte in Frankfurt/Main westdeutsche Gewerkschaftskarriere und wurde als Wahlkampfmanager und Organisationstalent von den SPD-Spitzenpolitikern Georg Leber und Herbert Ehrenberg erfolgreich ins Bundeskanzleramt empfohlen. Dort spionierte der "Offizier in besonderem Einsatz" der Hauptverwaltung Aufklärung (HVA) des Ministeriums für Staatssicherheit (sein Chef war Markus Wolf) als "Kundschafter des Friedens" acht Jahre lang den "Kanzler des Friedens" aus. Für Willy Brandt war er, so Schreiber, "unangenehm" und ein "beschränkter Parteifunktionär". Guillaume dagegen habe Brandt "verehrt". Der Spion sollte später vor Gericht aussagen: "Es gibt zwei Männer, denen ich ehrlich zu dienen versucht habe: Willy Brandt und Markus Wolf." Dass der Agent aus Ostberlin samt Ehefrau Christel so lange arbeiten konnte, obwohl er bereits Ende der 50er-Jahre ins Visier von Sicherheitsbehörden geraten war, ist nur mit einem völligen, aber keineswegs seltenen Versagen der Spionageabwehr zu erklären. Schreiber schreibt das Auffliegen des Top-Spions gar dem "Kommissar Zufall" zu. Als Tölpel auf westdeutscher Regierungsebene bieten sich nach seiner Beweislage der damalige Innenminister Hans-Dietrich Genscher, Kanzleramtschef Horst Ehmke und Verfassungsschutz-Chef Günther Nollau an. "Ich Rindvieh", notierte Brandt am hochexplosiven 29. April 1974, "hätte mich auf den Rat eines anderen Rindviehs nie einlassen dürfen." Dazu Schreiber: "Das andere Rindvieh war wohl Genscher, auch wenn der Rat von Nollau kam. Grundlos war sein Zorn auf das andere Rindvieh gewiss nicht. Genscher agierte in diesen Tagen offenbar am Rande einer Panik. Seine Angst, der Fall Guillaume könne ihm kurz vor dem vereinbarten Aufstieg aus dem Innenministerium in das Amt des Außenministers und Vize-Kanzlers doch noch die Karriere verhageln, muss gewaltig gewesen sein." Natürlich musste sich Hermann Schreiber, der auch als "Spiegel"-Reporter ein Gentleman war, dem Thema "Sex and Crime im Milieu der Mächtigen" nähern. Leider enthüllt er weniger, als er wissen muss. Dass dem notorischen "Womanizer" Brandt nicht nur von Chefbeschützer Ulrich Bauhaus und Referent Guillaume Frauen zugeführt wurden, praktischerweise vor allem Journalistinnen und Vorzimmerdamen, aber auch eine 19-jährige blonde Stewardess, ist längst Spionagegeschichte. Gut ins schummerige Bild passt allerdings der Hinweis, dass die streng geheimen Amourenakten des Bundeskriminalamtes, die in einer besonderen Stahlkassette verwahrt wurden, aus den Tresoren der Bundesanwaltschaft verschwunden sind. Die von anderen Insidern favorisierte Version, Herbert Wehner, den Brandt bis zu seinem Tod für den Schurken in diesem Drama gehalten hat, habe anhand des Aktenbündels in der berüchtigten Schicksalsnacht von Münstereifel (4./5. Mai 1974) von dem Kanzler den sofortigen Rücktritt gefordert ("Du bist erpressbar geworden!"), korrigiert Autor Schreiber allerdings dahingehend, Wehner habe damals lediglich eine "Entscheidung binnen 24 Stunden" verlangt. So oder so: "Für Willy Brandt war Herbert Wehner seit diesem Abend der Hauptschuldige", steht für den "Jäger und Sammler im Bereich des Faktischen" (Schreiber über Schreiber) fest. Dem Opfer blieb bis zuletzt der Verdacht, Wehner habe zusammen mit Ostberlin seinen Sturz betrieben. Schreiber gelingt das beeindruckende Portrait eines Regierungschefs, dem "ein Stück Realität abhanden gekommen war", der nach seinem großen Wahlsieg vom November 1972 "kaputt" gewesen sei und sich häufig in tiefen Depressionen in eine winzige Dachwohnung seines Wohnhauses auf dem Bonner Venusberg zurückgezogen habe. Das Ende aller Qual kam am 5. Mai 1974, als Willy Brandt vor der engeren SPD-Führung, also Schmidt, Wehner, Börner und Schatzmeister Nau, erklärte: "Ich trete zurück!" Außenminister Walter Scheel, der am Abend vorbeikam, war anderer Ansicht: "An Ihrer Stelle würde ich mir sagen, dass sich das auf einer Arschbacke absitzen lässt." Der Rest war Götterdämmerung. Am nächsten Morgen ging Willy Brandt ins Schlafzimmer seiner Frau Rut, um sich zu verabschieden, was er selten tat. Er sagte: "Ich werde heute zurücktreten." Sie sagte: "Das finde ich richtig. Einer muss die Verantwortung auf sich nehmen." In ihren Erinnerungen schrieb sie: "Willy sagte später einmal zu mir, dass Wehner und ich an seinem Rücktritt schuld seien. Meinen angeblichen Anteil daran wollte er nicht näher erklären." Die skurrile Geschichte der NATO-Geheimdokumente, die der Kanzler bei seinem letzten Norwegen-Urlaub so fahrlässig dem enttarnten DDR-Spion Guillaume unter die Nase geschoben hatte, hat Brandt nicht mehr erfahren. Guillaume schrieb später, er habe die Papiere, auf die sich die Landesverratsanklage gegen ihn gestützt hatte, im schwedischen Halmstadt von einem Stasi-Kurier fotografieren lassen und danach in Bonn in die Registratur zurückgegeben. DDR-Spionage-Chef Markus Wolf behauptet dagegen in seinen Memoiren, die Mikrofilme seien in Bonn von Christel Guillaume an einen Kurier namens "Anita" übergeben worden. Nach der Übergabe sei "Anita" verfolgt worden und habe "das Päckchen von einer Rheinbrücke ins Wasser fallen lassen, wo es auf Nimmerwiedersehen verschwand". Markus Wolf spielte im Fall Brandt/Guillaume kaum den Bösewicht, er war offenbar der geniale Puppenspieler, der alle Marionetten tanzen ließ.

  • Hermann Schreiber: "Kanzlersturz - Warum Willy Brandt zurücktrat" (Econ Verlag, 272 S., 22 Euro)

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