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Deutschland

Ein einig Volk? Das braucht noch 20 Jahre

Helmut Schmidt im Abendblatt-Interview: Was West und Ost noch lange trennen wird, welche Fehler korrigiert werden müssen und was er von den Ostalgie-Shows im Fernsehen hält.

ABENDBLATT: Zehn Jahre Deutsche Nationalstiftung - Sie sind Gründungsmitglied. Ihr Ziel war es, mit der Stiftung zum Zusammenwachsen von Ost- und Westdeutschland beizutragen. Inwieweit sind Sie Ihrem Ziel näher gekommen? HELMUT SCHMIDT: Wir haben sicherlich zum Wiederzusammenwachsen der deutschen Nation ein bisschen beitragen können. Aber man muss auch ganz deutlich sagen, dass auf mehreren Feldern die Wiederherstellung einer gemeinsamen Identität der Deutschen noch lange nicht vollendet ist. Zum Beispiel ökonomisch. Wir haben in Ostdeutschland eine wesentlich geringere Produktivität pro Arbeitsstunde als in Westdeutschland. Sie haben eine oft dreimal so hohe Arbeitslosigkeit. Aber auch die seelische Befindlichkeit vieler Menschen in Thüringen, Mecklenburg oder Brandenburg unterscheidet sich vielfältig von der Befindlichkeit der Menschen in Oberbayern oder Nordrhein-Westfalen. Wir sind leider, was das Zusammenwachsen des deutschen Volkes angeht, mehr von Enttäuschungen beeindruckt als von den Erfolgen. So wird dieser Aufgabenteil der Nationalstiftung noch ein bis zwei Jahrzehnte in Anspruch nehmen. ABENDBLATT: Inwieweit kann eine kleine Stiftung, auch wenn sie einen großen Namen hat, überhaupt auf solch eine Stimmung konkret Einfluss nehmen? SCHMIDT: Konkret ist dieser Einfluss nicht zu messen. Aber dass wir Einfluss genommen haben und es auch zukünftig tun werden, daran zweifele ich nicht. Das gilt zum Beispiel für eine größere Zahl von Debatten, die wir geführt haben. Wir werden bald eine neue Debatte bei unserer Jahrestagung anstoßen, nämlich über die wirtschaftliche und finanzielle Zukunft von Berlin, die sehr unerfreulich ist. Denn demgegenüber steht die Erwartung der Bürger, dass Berlin ein kultureller Glanzpunkt sein sollte. Aber Berlin wird nach wie vor von Westdeutschland finanziert, und das kann auf die Dauer nicht gutgehen. Wenn Deutschland zusammenwachsen und die Hauptstadt die Erwartungen der Menschen erfüllen soll, dann muss man die Ökonomie des Ostens in Ordnung bringen. Das haben weder Kohl noch Schröder bisher gemacht. Beide haben sich auf die Kräfte des Marktes verlassen und haben sich geirrt. Darüber eine öffentliche Debatte zu führen wird viele Leute stören, besonders die Berliner. ABENDBLATT: Sie führen Ihre Stiftungs-Debatten auf einem intellektuell und personell sehr hohen Niveau. Wollen Sie damit nur die Elite erreichen? SCHMIDT: Ich will nicht an eine Elite rankommen, aber ganz zweifellos erfordern solche Debatten Fachkentnisse, und die findet man nicht notwendigerweise auf der Mönckebergstraße. ABENDBLATT: Was wurde von beiden Seiten, den Ost- und Westdeutschen, in den vergangenen zehn Jahren falsch gemacht? SCHMIDT: Die entscheidenden Fehler liegen auf dem ökonomischen Feld und auf dem der öffentlichen Verwaltung. Wir haben den Ostdeutschen Zigtausende Paragraphen des öffentlichen Rechts übergestülpt. Sie haben ganz große Schwierigkeiten gehabt, diese Gesetze zu verstehen und anzuwenden. Gleichzeitig haben wir Illusionen von blühenden Landschaften geweckt. Diese Fehler haben zu wehmütigen Rückerinnerungen von Ostbürgern an die DDR geführt. Wir haben auch viele Erfolge erzielt wie zum Beispiel eine funktionierende Infrastruktur, aber wir haben nicht in größerer Zahl Arbeitsplätze geschaffen. ABENDBLATT: Aber haben wir die Kritik von Ostdeutschen an Teilen unseres westlichen Systems überhaupt ernst genommen? Herrscht nicht eher ein großes Unverständnis von Seiten der Westdeutschen? SCHMIDT: Solche Attitüden gibt es im Westen Deutschlands. Sie sind aber zum Glück nicht repräsentativ für die Mehrheit der Westler. ABENDBLATT: Es gibt Ostdeutsche, die gegenüber Westdeutschen Minderwertigkeitskomplexe haben. Wie kann man diesen Menschen mehr Selbstbewusstsein geben? SCHMIDT: Selbstbewusstsein hängt meistens zusammen mit dem eigenen Erfolg. Ein erfolgloser Mensch hat es schwer, Selbstbewusstsein zu empfinden. Das gilt für einen Künstler genauso wie für einen Einzelhändler oder Uni-Professor. Deswegen ist es nötig, dass wir den ostdeutschen Gewerbe- und Industriebetrieben und den freien Berufen gesetzlich einen deutlichen Vorsprung vor den westdeutschen Firmen einräumen. Das sehen die westdeutschen Betriebe leider nicht ein, und deswegen hinken die Ostdeutschen immer hinterher. ABENDBLATT: Was halten Sie von den Ostalgie-Shows, die jetzt auf verschiedenen TV-Sendern anlaufen? Ist das ein geeigneter Weg, den Wessis die Ex-DDR näher zu bringen? SCHMIDT: Ich schaue wenig in die Glotze. Ich halte es für weder besonders gut noch schlecht. ABENDBLATT: Sie vergeben den Nationalpreis, der mit 100 000 Euro dotiert ist. Preisträger sind zumeist Prominente wie Wolf Biermann oder Vaclav Havel, die das Geld gar nicht so nötig haben. Warum geben Sie das Geld nicht kleineren Initiativen, die in ihrem Bereich Großartiges leisten? SCHMIDT: Die Stiftung ist nicht reich, sondern sie ist eine private Institution. Wir können keine großen Sprünge machen. Der Nationalpreis will jemanden nicht mit Geld ausstatten, sondern er verfolgt die Absicht, Leute, die für das Zusammenwachsen Deutschlands oder Europas stehen, öffentlich sichtbar auszuzeichnen. Menschen, die ein Beispiel geben wie Wolf Biermann, der sich, schon lange bevor er von der DDR ausgebürgert wurde, für die Zusammengehörigkeit der Deutschen stark gemacht hat. ABENDBLATT: Wie steht diese hohe Preissumme im Verhältnis zum geringen operativen Geschäft? Sie haben ja nur zwei Jugendprojekte, die Sie fördern. SCHMIDT: Diese Projekte sind Nebenaktivitäten. Sie sind nicht so wichtig. Für so etwas haben wir nicht genügend Geld. ABENDBLATT: Ihr jüngstes Vorstandsmitglied ist Brandenburgs Ministerpräsident Matthias Platzeck, der ist 49 Jahre alt. Wollen Sie sich künftig etwas verjüngen? SCHMIDT: Wenn die Jüngeren was taugen, ja. Wenn sie nichts einzubringen haben, dann nein. ABENDBLATT: Was muss man denn bei Ihnen als Qualifikation mitbringen? Was zeichnet Ihre Stiftungsmitglieder aus? SCHMIDT: Ich bin ein alter Mann, ein Ehrenmitglied. Ich entscheide nicht über die Aufnahmekriterien. Aber die bisherigen Mitglieder des Senats sind alles Leute, die auf verschiedenen Feldern große Leistungen vollbracht haben und einen Überblick haben. Der eine über Wissenschaft, der andere über Unternehmenswirtschaft, ein dritter über Politik. Es sind alles Leute mit Lebenserfahrung und Tatkraft. Ich selber habe mich aus der Führungsebene zurückgezogen. Ich werde 85, da muss man seine Aktivitäten langsam einschränken. ABENDBLATT: Eines Ihrer Stiftungs-Ziele ist, die kulturelle Identität der Deutschen in Europa erlebbar zu machen. Was heißt das konkret? SCHMIDT: Diese Stiftung verfügt über einen Senat, dem ein Pole, ein Franzose und ein Amerikaner angehören. Die nehmen an unseren Beratungen teil und kriegen auf diese Weise mit, was in Deutschland wichtig ist. ABENDBLATT: Welche Identität haben wir derzeit in Europa? Wie sehr fühlen wir uns wirklich schon als eine Union? SCHMIDT: Wir wollten als Nationalstiftung dazu beitragen, dass die Deutschen sich innerlich der Europäischen Union zuwenden, trotz aller Enttäuschungen. Dieser Teil ist noch lange nicht vollendet. Die EU hat in den vergangenen 50 Jahren enorme Fortschritte gemacht. Aber wir brauchen vielleicht noch ein halbes Jahrhundert, um zu einer gemeinsamen Außen- und Sicherheitspolitik zu kommen. Die Deutschen, Franzosen oder auch Polen haben in der Mehrheit nicht begriffen, dass es ihr nationales, ihr patriotisches Interesse ist, sich transnational zusammenzuschließen. Denn ein einzelner Staat ist den virulenten Problemen der Zukunft wie Organisierte Kriminalität, globale Erwärmung, Seuchen, Gefahr der Übervölkerung und transnationalen Terrorismus nicht gewachsen. Interview: SABINE TESCHE

 

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