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Deutschland

Der Traum vom sorgenfreien Alter

Der Druck auf unser Rentensystem wächst - und der Reformstreit wird heftiger: Die einen warnen vor "Abzocke", andere reden von "fetten" Pensionen . . .

Berlin. Im Internet, auf der Homepage des Sozialverbandes VdK, tobt dieser Tage der Streit um die Rentenpolitik in heftigster Form. Da entladen sich Konflikte zwischen Rentnern und Pensionären, Jungen und Alten, Familien und Kinderlosen mitunter in gehässigen Tönen. Seit der VdK vor einer "Abzockorgie" warnt und wettert, Rentnerinnen und Rentner seien "nicht die Sparschweine der Nation", geht es hoch her im "interaktiven Diskussionsforum" der Organisation. Da schreibt ein "Mike" recht derb: "Eine Schande für Deutschland . . . Unsere Regierung tritt den Rentnern in den Hintern. Das ist, als wenn man seine Mutter schlägt!" Ein anderer, der mit "Vater" unterzeichnet, schimpft hingegen: "Die Alten verbraten, was da ist, die Jungen haben später das Nachsehen - das kanns nicht sein." Ein Peter W. wiederum gibt zum Besten: "Na klar, die mit den fetten Beamten-Pensionen sind fast alle auf Mallorca." Kaum ein Thema reibt derart heftig am Nerv der Deutschen wie die Debatte um Stabilität und Zukunftsfähigkeit der gesetzlichen Alterssicherungssysteme. Sie sind finanziell unter Druck, der Reformbedarf ist unbestritten. Zumal sich der Altersaufbau der Gesellschaft in den nächsten Jahrzehnten deutlich verändern wird. Die Anzahl der Älteren wird stark wachsen, die Zahl der Jüngeren abnehmen. Die Alten von heute, die ihr Arbeitsleben lang Beiträge eingezahlt haben und auf die Verlässlichkeit des Rentensystems vertrauten, fürchten jetzt Sparmaßnahmen, die ihr Monatsbudget schmälern könnten, reagieren deshalb vielfach verärgert und verunsichert. Gleichzeitig gibt es Animositäten unter Ruheständlern, weil viele Rentner sich ungerecht behandelt fühlen. Sie sind der Ansicht, Pensionäre, die ihr Arbeitsleben als Beamte verbrachten, seien weit besser gestellt, obwohl sie nie Beiträge für ihre Alterssicherung eingezahlt hätten. Die Jüngeren von heute wiederum sorgen sich im Blick auf die demographische Entwicklung, dass sie später, wenn sie in 20, 30 oder 40 Jahren selbst alt sind, womöglich nur noch sehr kärgliche Renten erwarten können. Und das, obwohl sie heute hohe Beiträge leisten müssen, mit denen die gesetzlichen Altersbezüge der jetzigen Rentnergeneration bezahlt werden. Der Generationenvertrag verliert an Akzeptanz und droht sich zum Generationenkonflikt zu wandeln. In einer neuen Serie will das Hamburger Abendblatt eine Bestandsaufnahme der Debatte liefern und die Reformperspektiven aufzeigen, die in der politischen Debatte die Hauptrolle spielen. In früheren Jahren wurden die Worte "Alter" und "Armut" oft in einem Atemzug genannt. Inzwischen glauben dagegen sehr viele, das die Mehrheit der Rentner und Pensionäre in Deutschland finanziell so gut gestellt ist, wie keine Alten-Generation vor und wohl auch nach ihnen. Die Bundesregierung hat im Altenbericht 2000 für die ältere Generation eine "durchschnittlich gute materielle Lage" festgestellt. Auf ergänzende Hilfe zum Lebensunterhalt, also auf Sozialhilfe, sind laut amtlichen Angaben 1,4 Prozent der über 65-Jährigen angewiesen - weniger als in fast jeder anderen Altersgruppe. Nur jeder hundertste Rentner sei auf Sozialhilfe angewiesen, aber jedes vierzehnte Kind, argumentieren viele. Beamtenpensionäre genießen nach Ansicht des Bundes der Steuerzahler einen deutlichen Versorgungsvorsprung gegenüber Rentnern. So berichtete die Organisation im Herbst 2002, dass sich die Nettopension bei Beamten nach 40 Dienstjahren auf rund 80 Prozent des Nettoeinkommens des letzten Dienstjahres belaufe. Bei Rentnern der gesetzlichen Rentenversicherung erreiche hingegen die durchschnittliche Nettorente nach 40 Dienstjahren lediglich 63 Prozent des aktuellen durchschnittlichen Nettoarbeitseinkommens. Umfängliche Daten über Einkommen und Vermögen in Rentner- und Pensionärshaushalten lieferte die Einkommens- und Verbrauchsstichprobe (EVS). Diese Erhebung des Statistischen Bundesamtes findet alle fünf Jahre statt, zuletzt 1998. Damals beteiligten sich fast 15 000 der seinerzeit 1,2 Millionen Pensionärs- und 10,3 Milionen Rentnerhaushalte in Deutschland. Aus den Erhebungen (siehe Grafiken) ergibt sich, dass Pensionäre im Durchschnitt finanziell deutlich besser gestellt sind als Rentner. Die Aussagekraft statistischer Durchschnittswerte ist allerdings begrenzt und kann täuschen. So haben laut Regierungsangaben etwa 20 Prozent der über 80-Jährigen nur jeweils weniger als die Hälfte des durchschnittlichen Einkommens der Gesamtbevölkerung zur Verfügung. Manche Berechnungen gehen davon aus, dass etwa 15,8 Prozent der Rentnerhaushalte, immerhin 1,8 Millionen Haushalte, über ein Einkommen verfügen, das niedriger ist als die Hälfte des Durchschnittseinkommens aller Haushalte. Viele Sozialwissenschaftler sprechen in solchen Fällen von Einkommensarmut. Besonders betroffen sind so genannte Einpersonenrentnerhaushalte, vor allem Frauen. Mit anderen Worten: Längst nicht alle Rentner sind finanziell auf Rosen gebettet. Die gesetzliche Rente hatte 1998 im Schnitt einen Anteil von gut 60 Prozent am Bruttoeinkommen von Rentnerhaushalten, im Osten war es ein Anteil etwa 88 Prozent. In den befragten Rentnerhaushalten im Westen bezogen etwa die Hälfte der Alleinlebenden und gut zwei Drittel der Zweipersonenhaushalte zusätzlich Betriebs-, Werksrenten und/oder Renten der Zusatzversorgung des öffentlichen Dienstes. Bei Rentnern im Osten spielen solche Zusatzeinkünfte im Einkommensmix kaum eine Rolle. Das verfügbare Geldvermögen ist sehr ungleich verteilt. So ergab die EVS 1998, dass zwölf Prozent der allein lebenden Rentner, etwa 620 000 Personen, keine finanziellen Rücklagen hatten. Bei den allein lebenden Pensionären waren es nur 4,6 Prozent, darunter anteilig viele Frauen über 70. Weit mehr Pensionäre als Rentner verfügen über Immobilienbesitz. So schreibt Margot Münnich in einer Auswertung der EVS 1998: "Im Gegensatz zu den Rentnerhaushalten nimmt das Immobilienvermögen bei den Pensionären durchaus einen gewichtigen Platz für die materielle Sicherheit im Alter ein. Die Unterschiede zu den Rentnern sind sowohl hinsichtlich der Eigentumsquote als auch der Verkehrswerte erklecklich."

 

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