Rauschgift: SPD für gesetzliche Regelung
Union sperrt sich gegen Heroin auf Rezept
Die seit 2002 diskutierte Hilfe für Schwerstabhängige sorgt immer noch für Dissens in der Großen Koalition. CDU und CSU wollen weiter forschen lassen.
Berlin. Die Große Koalition streitet weiter um die staatliche Abgabe von künstlichem Heroin an Schwerstabhängige. Auch durch die Expertenanhörung, die gestern im Gesundheitsausschuss stattfand, sind sich die großen Parteien nicht näher gekommen. Die Drogenbeauftragte der Unionsfraktion, Maria Eichhorn (CSU), erklärte anschließend gegenüber dem Abendblatt, die Union halte daran fest, ein weiteres Modellprojekt auszuschreiben. Die Kriterien der Schwerstabhängigkeit seien noch nicht hinreichend erforscht, zum anderen werde die Zahl der infrage kommenden Probanden kleingeredet. Eichhorn warnte, ein Großteil der rund 140 000 Opiat-Abhängigen, bis zu drei Viertel, könnte das sogenannte Diamorphin auf Kassenkosten beanspruchen: "Aus unserer Sicht ist die Zeit nicht reif, dass wir in die Regelversorgung übergehen." Heroin könne es noch nicht auf Rezept geben.
Angesichts des Widerstands von CDU und CSU hat die SPD-Gesundheitspolitikerin Carola Reimann gestern angekündigt, dass eine interfraktionelle Parlamentariergruppe den von den Sozialdemokraten angestoßenen Gesetzentwurf ins Parlament einbringen wird. Voraussichtlich bereits in der Sitzungswoche nach Ostern. Man habe bereits 249 Abgeordnete hinter sich, so Reimann im Gespräch mit dieser Zeitung, und rechne mit weiteren Unterstützern aus den Reihen von SPD, FDP und Grünen. Die vorliegende Studie sei überzeugend, die Zahl der infrage kommenden Probanden liege bundesweit höchstens zwischen 3000 und 5000. Und: "Die Substitution durch Diamorphin ist klar besser als die durch Methadon." Der Gesundheitszustand der Patienten verbessere sich signifikant, der Beikonsum illegaler Drogen verringere sich, die Beschaffungskriminalität gehe auch zurück.
Als die damalige rot-grüne Bundesregierung 2002 das Modellprojekt zur heroingestützten Behandlung Opiatabhängiger startete, hat sich neben Bonn, Frankfurt, Hannover, Karlsruhe, Köln und München auch Hamburg beteiligt. Federführend war und ist die Asklepios-Klinik Nord, von der zurzeit 65 Patienten mit Diamorphin versorgt werden: Langzeitschwerstabhängige, die in mehreren Therapien gescheitert sind.
Seit der Modellversuch 2007 ausgelaufen ist, nimmt Hamburg wegen der wackeligen Rechtslage - Diamorphin wird seit 2007 auf der Basis einer Ausnahmegenehmigung des Bundesinstituts für Arzneimittel ausgegeben - keine neuen Patienten mehr auf, obwohl freie Plätze vorhanden sind. Dazu die Ärztin Karin Bonorden: "Alles ist erforscht und hinlänglich untersucht worden. Außerdem können wir uns auf die Erfahrungen der Schweizer und der Niederländer stützen." Die Änderung des Betäubungsmittelgesetzes, so Bonorden, sei überfällig. Diamorphin müsse als Arzneimittel für Schwerstabhängige, und zwar nur für sie, zugelassen werden.



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