"Alles brach über mir zusammen ..."
Gerda Zielke, Jahrgang 1921, ist Vorsitzende des Heimbeirats im Hospital zum Heiligen Geist, wo sie seit vier Jahren lebt. Sie ist seit Langem für...
Gerda Zielke, Jahrgang 1921, ist Vorsitzende des Heimbeirats im Hospital zum Heiligen Geist, wo sie seit vier Jahren lebt. Sie ist seit Langem für alte Menschen aktiv, unter anderem war sie Vorsitzende des Bezirksseniorenbeirats in Wandsbek und Mitglied des Landesseniorenbeirats.
"Mein Mann starb ganz plötzlich. Das war im Oktober 1975. Herzinfarkt. Das war ein furchtbarer Schock. Er hatte sich um alles Finanzielle gekümmert, das Haus war noch nicht abbezahlt. Ich musste ganz schnell Geld verdienen. Ich habe dann in der Psychiatrie in Ochsenzoll Arbeit gefunden. Am Heiligabend haben meine Tochter und ich dort Nachtwache gemacht und auf der Treppe gesessen und geheult. Alles brach über mir zusammen.
Ich habe mir dann auf dem Gelände in Ochsenzoll einen Baum ausgesucht und ein Seil besorgt. Da bin ich hingegangen und wollte Schluss machen. Eine Kollegin hat gespürt, dass ich irgendwie merkwürdig war. Sie ist hinterhergegangen und hat mich davon abgehalten. Professor Böhmer in Ochsenzoll hat mich in die Mangel genommen und lange mit mir gesprochen. Heute bin ich froh darüber, dass sie da waren.
Ich bin eigentlich ein Typ, der immer andere verteidigt. Ich betütere sie nicht, ich verteidige sie. Wenn ich erlebe, wie ein hilfloser alter Mensch schlecht wegkommt, dann werde ich angriffslustig. Zum Beispiel war hier eine 80-jährige Dame, deren drei Kinder sich ihr Erbe teilten, während sie mit dem Sozialhilfesatz und 80 Euro Taschengeld auskommen musste. Da haben wir uns eingeschaltet. Jetzt müssen die Kinder für ihre Mutter zahlen. Hier finde ich allerdings offene Türen, auch bei der Heimleitung.
Mich ärgert, dass alte Menschen viele falsche Ratschläge bekommen. Zum Beispiel: ,Bleib so lange wie möglich zu Hause wohnen.' Ja, aber das funktioniert doch nur, wenn man Angehörige in der Nähe hat, die sich kümmern! Sonst sind irgendwann auch die netten Nachbarn erschöpft. Dann übernehmen sich die alten Leute, fallen hin und kommen aus der Klinik direkt auf die Pflegestation. Es passiert genau das, was sie nicht wollten.
Man sollte nicht erst in ein Heim ziehen, wenn man allein gar nicht mehr zurechtkommt, sondern so lange man noch fit genug ist, sich das Passende auszusuchen, sich auf eine neue Umgebung einzustellen, neue Kontakte zu knüpfen. Stationäres Wohnen hat doch Vorteile: Man muss sich nicht mit Einkäufen abschleppen, wird bekocht, hat Gesellschaft, es gibt einen Fahrstuhl. Wir haben alle einen Piepser, falls uns etwas zustößt, ist sofort jemand da. Einfach abwarten, das ist nichts. Wie will ich wohnen, was möchte ich noch tun? Heute muss man sein Alter genauso sorgfältig planen, wie man ein Leben mit Kindern plant."



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