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Deutschland

Erinnerungen: Peter Kruse, von 1989 bis 2001 Chefredakteur des Hamburger Abendblatts, über den Beginn des Mauerbaus heute vor 47 Jahren

Der Tag, an dem Walter Ulbricht die Operation "Rose" startete

Dramatische Ereignisse der Weltgeschichte haben es an sich, meist nachts zu geschehen, wenn das gemeine Volk schläft, sodass es, wenn es morgens...

Dramatische Ereignisse der Weltgeschichte haben es an sich, meist nachts zu geschehen, wenn das gemeine Volk schläft, sodass es, wenn es morgens erwacht, den vollendeten Tatsachen ins Auge sehen muss. So war es auch am 13. August 1961, heute vor 47 Jahren, als der kommunistische Anführer der DDR, Walter Ulbricht, morgens um 1 Uhr die Operation "Rose" startete und Ost-Berlin von West-Berlin trennte - mit dem Bau der Mauer quer durch die Stadt. Er schloss das größte Flucht-Loch des zivilisierten Europas.

In meiner West-Berliner Wohnung klingelte morgens um zwei Uhr das Telefon. Meine Zeitungsredaktion holte alle verfügbaren Reporter aus den Betten und jagte sie in die Innenstadt zur Sektorengrenze. Schon kurz nach 3 Uhr hatte der West-Berliner Rundfunksender RIAS gemeldet, dass starke Kräfte der ostdeutschen Volkspolizei damit begonnen hätten, die Grenze zwischen beiden Teilen der Stadt zu sperren. Als ich am Ort der kritischsten Entwicklung zwischen Ost und West nach dem Zweiten Weltkrieg eintraf, sah ich einen Pulk von hochrangigen Herren: West-Berlins Regierenden Bürgermeister Willy Brandt, umringt von Abgeordneten und Senatoren, daneben amerikanische Soldaten und westalliierte Militärpolizei.

Willy Brandt war sehr erregt. Er sprach davon, dass die westlichen Verbündeten zusähen, wie die Stadt geteilt werde, man "müsste ihnen in den Hintern treten, damit sie etwas dagegen tun". Bei den komplizierten Feinheiten des West-Östlichen war in dieser brisanten Nacht kein Platz für Nüchternheit. Denn die West-Alliierten sahen in den Mauersetzern keine Aggressivität gegenüber dem freien West-Berlin, sondern nur die Abschottung des eigenen Territoriums gegen die Massenflucht der ostdeutschen Bevölkerung.

Ich erinnerte mich in diesen frühen Morgenstunden des 13. August 1961 an einen Satz, den der DDR-Allgewaltige Ulbricht noch vor vier Wochen auf einer Pressekonferenz von sich gab, als ihn eine westdeutsche Journalistin fragte, ob er etwas zu der Fluchtbewegung sagen wolle.

Ulbricht:

"Niemand hat die Absicht, eine Mauer zu errichten!"

Hatte sich Ulbricht da nur verplappert? Oder war der Begriff "Mauer" in der verneinenden Form schon der versteckte Versuch, den Westen auf eine tatsächliche Mauer vorzubereiten?

Das also war der Anfang einer der irrsinnigsten politischen Maßnahmen der europäischen Geschichte: ein Volk einzusperren, jedem Individuum die Selbstbestimmung zu nehmen und das Land zu einem Gefängnis auszubauen. Wenn heute nach 19 Jahren deutscher Einheit in Umfragen Stimmen laut werden, die sich wieder die Mauer wünschen, darf es einem nicht verübelt werden, die Geistesverfassung von manchen der Befragten in Zweifel zu ziehen. Vielleicht ist es einfach nur Dummheit von einigen, die die Teilung Deutschlands nur aus Erzählungen kennen, die Jüngeren, die seinerzeit noch Kinder waren - nach dem alles verzeihenden Motto: "Nicht alles in der DDR war schlecht."

Im Sommer 1972: Die Berliner Mauer steht nun schon elf Jahre. Seitdem sind Hunderte Ostdeutsche beim Versuch, ihr heimlich zu entkommen, an diesem politischen Monster zu Tode gekommen. Sie wurden erschossen, verbluteten im Stacheldraht vor der Betonwand oder ertranken beim Versuch, Grenzgewässer zwischen Ost- und West-Berlin zu überwinden. In jenem Jahr besuchte ich West-Berliner mit einem Tagesvisum in der Tasche ein befreundetes Ost-Berliner Ehepaar. Bei Bohnenkaffee (aus dem Westen) und Kuchen erzählte ich, dass ich in den nächsten Tagen nach München zu den Olympischen Spielen fahren werde. Sie hörten mir zu, merkten mir an, wie sehr ich mich darauf freute, aber sie sagten kein Wort. Da spürte ich mit einem Male, wie sehr ich sie in ihrem tiefsten Inneren getroffen hatte. Es war kein Neid, es war ihre Verbitterung darüber, nicht auch diese Freiheit zu haben. Sie sagten nur: "Du Glücklicher!" Nach der abendlichen Rückkehr über die von ostdeutschen Scheinwerfern beleuchtete Mauergrenze fühlte ich mich wie ein Heimkehrer aus einer anderen Welt, obwohl nur wenige Kilometer zwischen "uns" und "denen drüben" liegen.

Am nächsten Tag in meiner Zeitungsredaktion des Springer-Verlages: Ich trete an das Fenster mit Blick auf Todesstreifen und Mauer nach Ost-Berlin.

Hinter mir steht das Fernsehgerät. Ich höre die Stimme eines Sportreporters, der die Zuschauer auf die Olympischen Spiele einstimmt: "Die Jugend der Welt ist bei uns in Deutschland ..." Ich drehe mich um und schalte den Fernseher ab.

Seit diesem Tag bin ich jedes Mal zum Arbeitsbeginn an das Fenster getreten und habe einen Blick auf die Berliner Mauer mit dem fein geharkten Sandstreifen dahinter geworfen, wo scharfe Hunde mit feiner Spürnase an einer langen Leine unruhig hin und her liefen. Wie viele Hundegenerationen würden wohl noch Tag und Nacht auf Menschenjagd abgerichtet sein?

Es werden noch Tausende Nächte sein bis zu dieser einen Nacht im November 1989, in der die Staatsmacht DDR, moralisch und materiell verschlissen, wie eine faule Frucht in sich zusammenfällt. Ich sitze zu jener deutsch-deutschen Stunde am späten Abend abgeschottet in einem Flugzeug von West-Berlin nach Hamburg. Als meine Frau mich um Mitternacht am Flughafen mit den Worten empfängt: "In Berlin fällt die Mauer", ist mein erster Gedanke wie ein Schmerz: "Und ich bin nicht dabei!"

 

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