Ausländer: Schäuble sieht ernst zu nehmendes Radikalisierungspotenzial
"Muslim-Studie besorgniserregend"
40 Prozent sind fundamental orientiert: Sie verbinden Strenggläubigkeit und Koranfixierung mit der Ablehnung westlicher Lebensstile und sehen allein im Islam die wahre Religion.
Hamburg. Welche religiösen Orientierungsmuster gibt es unter den Muslimen in Deutschland? Wie wirken sie sich auf Integration, auf die Haltung zu Demokratie und Rechtsstaat aus? Die gestern veröffentlichte Studie "Muslime in Deutschland" von Wissenschaftlern des Instituts für Kriminalwissenschaften der Universität Hamburg sorgt für neue Diskussionen. "Es gibt eine ungeheure Resonanz", sagte Projektleiter Prof. Peter Wetzels dem Abendblatt.
Bundesinnenminister Wolfgang Schäuble (CDU) bezeichnete die Ergebnisse im Vorwort als "besorgniserregend": "In Deutschland hat sich ein ernst zu nehmendes islamistisches Radikalisierungspotenzial entwickelt." Die übergroße Mehrheit der gut drei Millionen Muslime in Deutschland lebe friedlich. Es sei aber wichtig, Radikalisierungsprozesse frühzeitig aufzuhalten.
In mehreren Teilstudien hatten die Forscher erwachsene Muslime unterschiedlicher Nationalität in Westberlin, Hamburg, Köln und Augsburg befragt; außerdem muslimische und nichtmuslimische Studierende, Schülerinnen und Schüler sowie Männer aus islamischen Vereinigungen. Religion habe für Muslime - vor allem junge - eine viel höhere Bedeutung als für die einheimische Bevölkerung, sagte Wetzels. Integration hänge eng mit der religiösen Einstellung zusammen. Nicht nur mangelnde Sprachkompetenz, Bildungsferne oder einseitige Nutzung nicht-deutscher Medien könnten Integration hemmen, sondern auch der Rückzug in ethnisch-religiös geschlossene Milieus. Dabei gebe es aber eine große Heterogenität.
Mehr als 80 Prozent der Muslime lehnten Terror, Gewalt und Selbstmordattentate ab. Aber immerhin sind 40 Prozent laut Studie "fundamental orientiert": Sie verbinden Strenggläubigkeit und Koranfixierung mit einer Ablehnung westlicher Lebensstile und sehen im Islam die einzig richtige Religion. "Fundamental ist noch nicht fundamentalistisch", sagt Wetzel. Ein Radikalisierungspotenzial erkennt die Studie bei ca. 8 bis 12 Prozent aller Muslime: Sie verbinden fundamentalen Islam zusätzlich mit Distanz zu Demokratie und Rechtsstaat. Nur 6 Prozent halten darüber hinaus auch islamisch-politische Gewalt für legitim.
In der Gesamtgruppe der Muslime zeigte sich bei 12 Prozent eine "islamisch-autoritaristische Einstellung": Sie üben starke moralische Kritik an westlichen Gesellschaften und Demokratien und neigen zu "einer starken Befürwortung von Todesstrafe und von Körperstrafen in Bezug auf islamisches Recht". Bei jungen Muslimen (Schülern und Studenten) ist dieses Denkmuster bereits zu 17 Prozent vertreten - aus Enttäuschung oder wegen mangelnder Einbeziehung.
Interessant sind hier drei Untergrupen: Zu einem Drittel sind es gering gebildete Muslime, die selbst Diskriminierung erfahren haben. Weitere rund 30 Prozent sind gut gebildete, die in Deutschland eine "kollektive Benachteiligung" und sozialen Ausschluss von Muslimen wahrnehmen und darüber tief empört sind. Viele identifizieren sich mit "unterdrückten Muslimen weltweit", etwa den Palästinensern. Eine dritte Gruppe von "Traditionalisten" zieht sich in muslimische Gemeinschaften zurück ohne Interesse an Integration.
Wetzels betonte, die demokratiefernen und Gewalt legitimierenden Einstellungen beträfen "beileibe nicht die Mehrheit der Muslime". Ein Gefahrenpotenzial "in identischer Größenordnung" gebe es auch in der deutschen Bevölkerung, "nämlich das Potenzial Fremdenfeindlichkeit/Rechtsextremismus".
Peter Wetzels /Katrin Brettfeld: "Muslime in Deutschland - Integration, Integrationsbarrieren, Religion". Im Internet: www2.jura.uni-hamburg.de/instkrim/ kriminologie/Projekte/Integration/ Integration.html



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