Klimaforscher: Das Abendblatt sprach mit Hans Joachim Schellnhuber
Es ist ein Erfolg, dass es die Roadmap gibt
ABENDBLATT: Es gibt einen Fahrplan für die Verhandlungen für ein Anschluss-Abkommen zum Kyoto-Protokoll, die Bali Roadmap. Wie beurteilen Sie diese?
PROFESSOR HANS JOACHIM SCHELLNHUBER: Es ist ein Erfolg, dass es die Bali Roadmap gibt. Sie leitet einen Prozess ein, an dem sich zum ersten Mal auch die Entwicklungs- und Schwellenländer beteiligen und die USA nicht abseits stehen. Es war schon ein diplomatisches Kunststück, die USA im Boot zu halten, ohne dass die US-Delegation notwendige Schritte für einen effektiven Klimaschutz verbaut hat. Das G8-Treffen in Heiligendamm hat die Plattform geschaffen, sodass die USA die Verhandlungen nicht platzen ließen. Tatsächlich gibt es jetzt noch eine Chance, den Anstieg der globalen Temperatur auf zwei Grad Celsius zu begrenzen und damit die Folgen des Klimawandels noch zu beherrschen. Voraussetzung ist allerdings, dass der Verhandlungsrahmen in den kommenden zwei Jahren so genutzt wird, dass alles, was in Bali beschlossen wurde, auch in völkerrechtlich verbindliche Abkommen gegossen wird. Schließlich gehört auch das Kleingedruckte zum Dokument!
ABENDBLATT: Was heißt das?
SCHELLNHUBER: Obwohl in dem Schlussdokument keine Zielvorgaben stehen, sondern nur von "tiefen Einschnitten" die Rede ist, gibt es eine Fußnote, in der auf die Ergebnisse des Weltklimarats IPCC, wie sie im vierten Sachstandsbericht veröffentlicht wurden, verwiesen wird. Insofern ist auch ein Ziel formuliert, und das ist äußerst wichtig. Damit ist auch die Brücke geschlagen zu einem weiteren Dokument, das die Staaten auf Bali beschlossen haben, die das Kyoto-Protokoll ratifiziert haben. Sie haben sich vorgenommen, ihre Treibhausgasemissionen bis 2020 um 25 bis 40 Prozent gegenüber 1990 zu verringern. Somit gehen die Kyoto-Staaten, unter ihnen auch viele Industrienationen, voran. Was mich besonders freut, ist, dass die wissenschaftliche Grundlage, die der IPCC geschaffen hat, nicht mehr umstritten ist. Das ist ein riesiger Fortschritt gegenüber Kyoto.
ABENDBLATT: Und das reicht?
SCHELLNHUBER: Wie gesagt, es kommt auf die Ausgestaltung der Roadmap an. Und sicherlich ist die Bali Roadmap nicht der volle Erfolg, aber es ist ein Erfolg, der nicht selbstverständlich war. Und mit dem Anpassungsfonds für die Entwicklungsländer und dem Arbeitsprogramm für einen Technologietransfer wurden wichtige Entscheidungen getroffen.
ABENDBLATT: Was muss jetzt geschehen?
SCHELLNHUBER: Die Industrieländer müssen vorangehen und den großen Schwellenländern China und Indien zeigen, dass sie den Wohlstand nicht dem Klimaschutz opfern müssen. Wir brauchen weltweite wissenschaftlich-technische Netzwerke, um die Energiesysteme umzustellen, um nachhaltige Techniken zu entwickeln. Wir benötigen ein multinationales Innovationsprogramm, das die Dimension eines globalen Apollo-Programms hat, um die Transformation zu schaffen.



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