Rauschgift: Debatte um Behandlung von Süchtigen auf Kosten der Krankenkassen
Union sperrt sich gegen Hamburger Heroin-Initiative
HAMBURG. Sollen Süchtige auf Kosten der Kassen mit künstlich hergestelltem Heroin (Diamorphin) behandelt werden? Über diese Frage gibt es erneut Streit. Die Unionsfraktion im Bundestag sperrt sich gegen die vom Hamburger Senat und der hessischen Regierung eingebrachte Bundesratsinitiative, mit der die Behandlung ermöglicht werden soll. Der stellvertretende gesundheitspolitische Sprecher der CDU-Fraktion, Jens Spahn, sagte, es seien in der Sache noch zu viele Fragen offen, die durch eine zweite Studie geklärt werden müssten. Es dürfe "keine unkalkulierbaren Zusatzkosten" für die Kassen geben. Nach einem Bericht der "Bild"-Zeitung rechnen Ärzte und Kassen mit 60 000 bis 70 000 Patienten, die für die Behandlung infrage kämen, was zu Kosten von bis zu einer Milliarde Euro führen könne.
Das Gesundheitsministerium wies den Bericht zurück. Die Schätzung sei "völliger Quatsch", sagte die Parlamentarische Staatssekretärin Marion Caspers-Merk (SPD). Das Ministerium geht von 2000 bis 3000 betroffenen Patienten aus. Das bedeute Mehrkosten von 7000 Euro pro Patient und Jahr Gesamtkosten von 21 Millionen Euro. Auf die restriktiven Kriterien bei der Auswahl der Patienten wies Prof. Christian Haasen vom UKE in Hamburg hin, der Leiter des bundesweiten Modellversuchs, mit dem die Diamorphinbehandlung vier Jahre lang in sieben Städten getestet worden war. Für die Behandlung kämen nur Schwerstabhängige infrage, die stark verelendet und schwer krank seien und bei denen die Therapie mit der Ersatzdroge Methadon versagt habe. Der Modellversuch habe gezeigt, dass durch die Diamorphinbehandlung die offene Szene und die Beschaffungskriminalität reduziert würden.
Hamburgs Gesundheitssenatorin Birgit Schnieber-Jastram (CDU) begrüßte die Stellungnahme, die das Bundeskabinett am Mittwoch zum Gesetzentwurf des Bundesrates abgegeben hatte. "Damit sind wir auf dem Weg zu einer gesetzlichen Regelung zur Behandlung Schwerstabhängiger mit Diamorphin einen Schritt weiter", sagte sie. Die Bundesregierung habe sich den Gesetzentwurf zwar nicht zu eigen gemacht, aber in der Erklärung zum Ausdruck gebracht, "dass es mehr um das Wie als um das Ob einer Diamorphinbehandlung in Deutschland geht". Martin Schäfer, Drogenexperte der Hamburger SPD, sagte, die Folgekosten der Sucht seien "um ein Vielfaches höher" als die Kosten der Diamorphinbehandlung. So müssten die Kassen die Behandlung der schweren Begleiterkrankungen der Heroinsucht wie HIV und Hepatitis bezahlen.
In dem Streit soll es kein Machtwort von Bundeskanzlerin Angela Merkel (CDU) geben. Die Kanzlerin wolle die weitere Beratung des Themas ermöglichen, sagte der stellvertretende Regierungssprecher, Thomas Steg. Es sei noch nicht der Zeitpunkt, "um abschließend mit einem Wort der Kanzlerin diese Debatte, die erst noch geführt werden muss, jetzt zu beenden".
Bei der Diamorphinbehandlung spritzen sich die Patienten das Medikament täglich in einer Ambulanz unter ärztlicher Aufsicht. Im Modellversuch hatten sich der Gesundheitszustand und die soziale Stabilität der Abhängigen erheblich verbessert.



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