Gewaltexzess: Was ist zwischen den acht Indern und den rechten Schlägern wirklich passiert?
In Mügeln bröckelt die Mauer des Schweigens
Bürgermeister fühlt sich ungerecht behandelt. Bürger beklagen, dass die Leute wegsehen.
Mügeln. Während seine Sekretärin versucht, die Anrufer in Schach zu halten - "Wir wissen ja noch gar nicht, wie es war . . . Kommen Sie doch mal her, und gucken Sie sich unser schönes Städtchen an . . . " -, verliert Bürgermeister Deuse in seinem Büro die Nerven. Wie die Aasgeier hätten sich die Medien auf Mügeln gestürzt, klagt er, Rechte gebe es schließlich in jedem Ort, und überhaupt sei das alles maßlos übertrieben! Gotthard Deuse stehen Aufregung und Erschöpfung ins Gesicht geschrieben. Er hat "die Sache" sichtlich satt und sagt es auch. "Die Sache" werde hochgespielt, und er wisse auch genau, warum: "Wir haben 'n Sommerloch!"
Der 59-Jährige ist seit 1994 Bürgermeister der 4800-Einwohner-Gemeinde, vorher hat er als Diplom-Ingenieur im nahen Kaolin-Kombinat gearbeitet. Auf diese Krise hat den FDP-Mann niemand vorbereitet. Also sagt Deuse das, was man in solchen Fällen im deutschen Osten, egal, ob in Potsdam oder Prömmelte, immer wieder hört: Dass das schrecklich ungerecht ist, was jetzt über Mügeln hereinbricht, und dass man der Stadt nichts Gutes tut, wenn man "die Sache" so breittritt.
Es ist Tag vier nach dem gewaltsamen Übergriff auf acht Inder, die am Sonnabend auf dem Altstadtfest mitfeierten und dabei mit einer Gruppe von 50 rechten Schlägern aneinandergerieten, und Gotthard Deuse findet, dass er jetzt eine Pause verdient hat. "Ich muss auch mal ausspannen!", ruft er und dass er der Familie versprochen habe, um zwei zu Hause zu sein. Um zwei Uhr mittags, versteht sich. Es wird dann doch etwas später, weil alle Journalisten, die gerade erst in Mügeln eingetroffen sind, den Bürgermeister vor seinem Rathaus abpassen. Denen sagt Deuse auch noch mal, dass es in seiner Stadt keine organisierte rechte Szene gibt, und dann empfiehlt er ihnen allen Ernstes, sie sollten sich doch mal die schöne historische Schmalspurbahn ansehen, die man in Mügeln habe. In diesem Augenblick ist man fast schon bereit, Mitleid mit Gotthard Deuse zu haben.
In der Pizzeria Picobello hält sich das Mitgefühl mit Gotthard Deuse allerdings in Grenzen. Da steht Rico Winterlich an der Theke, der sich als hiesiger CDU-Vorsitzender vorstellt. Winterlich sagt, dass es "keine Courage" gibt in Mügeln und dass die Leute weggucken, wenn es ungemütlich wird. Der gelernte Installations- und Heizungsbaumeister möchte aber vor allem anbringen, dass Deuse "erst am Montag" in der Pizzeria von Herrn Singh aufgetaucht ist, um zu sagen, wie leid ihm die Geschichte tue: "Am Montag!"
Herr Singh selbst kann das bestätigen. Er fügt hinzu, dass die paar Rechten, die es in Mügeln offenbar sehr wohl gibt, bei ihm auch Pizza kaufen. Er habe das Picobello vor fünf Jahren aufgemacht und seitdem noch nichts Unfreundliches erlebt. Keine Beleidigungen, keine Tätlichkeiten. "Das war das erste Mal." Herr Singh weiß allerdings auch, was offenbar alle wissen, aber nur wenige zu sagen wagen: Dass sich die Rechten in Döbeln, Leisnig, Oschatz und in Wurzen organisiert und Mügeln sozusagen geografisch bereits in die Zange genommen haben. Und dass sich der Internetvertrieb des rechten Plattenlabels "No Colours" im fünf Kilometer entfernten Sornzig-Ablaß festsetzte, als man ihm Räume in Mügeln verweigerte. Herr Singh, der mit niemandem mehr sprechen möchte, sagt dann noch, dass er sich nicht vertreiben lassen wird. "Nicht, solange ich gesund bleibe."
Die Siebzehnjährige, die sich mit ihren Freunden auf dem Marktplatz so postiert hat, dass ihr nichts entgeht, weiß angeblich, wer das Fest aufgemischt hat - "Wer weiß das nicht?" - , aber Namen will sie nicht nennen. "Ich bin doch nicht blöd!" Nicht mal ihren eigenen. Das gilt übrigens auch für die Friseuse von gegenüber. Die hat Manfred Iser gerade einen neuen Haarschnitt verpasst, und der sagt immerhin, dass er die Ereignisse vom Sonnabend "nicht verharmlosen" will. Die anderen, die man anspricht, haben von diesen Ereignissen "nichts mitgekriegt". Zum Beispiel die Mankes, die während des Altstadtfestes vor ihrer Schlachterei in der Ernst-Thälmann-Straße einen Imbissstand betrieben haben. "Um viertel nach zwölf", erklärt Renate Manke, "sind wir ins Bett gegangen. Wir schlafen nach hinten raus."
Der Einzige, der etwas gesehen und gehört hat, ist Eberhard Aßmus. "Freilich", sagt der Mann, der in Mügeln für die Knöllchen zuständig ist, "waren wir auf dem Fest. Wie alle anderen auch." Eberhard Aßmus hat irgendwann mitgekriegt, dass es eine Art Tumult auf der Tanzfläche gab, "dann sind die Ausländer plötzlich raus und nur noch gerannt." Zuerst in die gegenüberliegende Rudolf-Breitscheid-Straße, verfolgt "von Typen in schwarzen T-Shirts mit irgendwas drauf". Dort, so Aßmus, hätten die vier Männer des privaten Sicherheitsdienstes vergeblich versucht, die Gruppen zu trennen. Die in den schwarzen T-Shirts hätten skandiert "Ausländer raus!" und "Deutschland den Deutschen!" Aßmus hat dann gesehen, wie die Inder aus der Rudolf-Breitscheid-Straße zurück in die Ernst-Thälmann-Straße und dort direkt in die Pizzeria Picobello liefen. Seine Frau habe ihn mit einem "Geh nicht!" davon abgehalten hinterherzulaufen.
Wie lange es gedauert habe, bis die Polizei mit Hundertschaft und einer Hundestaffel angerückt sei, könne er nicht sagen. Aßmus sagt: "Es kam mir vor wie eine Ewigkeit."




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