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Deutschland

Der Vattenfall-Chef und die "große Offenheit"

Berlin. Man veranstalte jetzt morgens immer eine " Vertrauenssitzung", sagt der Vorstandsvorsitzende des schwedischen Vattenfall-Konzerns, Lars Göran Josefsson. Wie das aussieht, kann man sich mühelos vorstellen. Per Videokonferenz muss die neue Führung in Berlin ihrem in Stockholm sitzenden Oberboss darstellen, was sie am Vortag unternommen hat, um das Vertrauen der zur Konkurrenz überlaufenden Kundschaft zurückzugewinnen.

Noch lässt der Erfolg offenbar zu wünschen übrig. Wie viele Deutsche inzwischen ihren Stromanbieter gewechselt haben, will Josefsson nicht sagen. Die Zahl liege irgendwo "zwischen 10 000 und 100 000", meint der 56-Jährige mit einem Lächeln, das die stahlblauen Augen nicht erreicht.

Nebulöse Auskünfte wie diese passen nicht recht zu der Parole von der "großen Offenheit", die der Chef des schwedischen Staatskonzerns nach den Störfällen in Krümmel und Brunsbüttel selbst ausgegeben hat. Erstaunlich auch, dass sich Josefsson partout nicht erinnern kann, wann genau er über diese Störfälle informiert wurde.

Am Donnerstagabend ist Lars Göran Josefsson in Berlin aufgetreten. Auf Einladung der Wochenzeitung "Welt am Sonntag" und des Deutschlandfunks hat er seine Sicht der Dinge dargelegt, und die sieht so aus: Die Störfälle in Krümmel und Brunsbüttel sind der Gefahrenstufe Null zuzurechnen ("Weniger geht nicht!"), für eine freiwillige Rückgabe der Betriebsgenehmigungen gibt es "keine Veranlassung".

Josefsson wies die Unterstellung zurück, er habe den Vorstand in Berlin erst ausgetauscht, nachdem Bundeskanzlerin Angela Merkel das Krisenmanagement von Klaus Rauscher als "nicht akzeptabel" bezeichnet und "striktissimi" völlige Transparenz verlangt hatte. Konfrontiert mit der launigen Bemerkung des deutschen Bundesumweltministers, Kernkraft sei sicher, "nur manchmal brennt und knallt es!", wirkte der Vattenfall-Mann allerdings nicht gerade erfreut.

Josefsson, der nach eigenem Bekunden gerne Rotwein trinkt und Elche schießt und Probleme erst "definiert", um sie dann "wegzuräumen", glaubt erkannt zu haben, warum die Atomkraft in Deutschland umstrittener ist als überall anderswo auf der Welt. Das habe, meint er, mit der "Angst" zu tun, für die es bekanntlich in keiner anderen Sprache ein Synonym gebe. Diese Angst sehe er in Deutschland überall. Hier strebe man "nach 150-prozentiger Sicherheit in jedem Belang des Lebens". Dass die Kernkraftdiskussion in Deutschland anders verlaufe als in England, Schweden oder in den USA, könne man schon daran ablesen, dass man Atomkraft hierzulande nicht als energiepolitisches, sondern als innenpolitisches Thema betrachte. Von Paranoia, so Josefsson, wolle er zwar nicht sprechen, "aber ich würde mir eine Versachlichung der Diskussion wünschen".

Die Stilllegung der Reaktoren in Krümmel und Brunsbüttel kostet den Vattenfall-Konzern täglich eine Million Euro. Aber auch über Geld spricht Lars Göran Josefsson nicht gern. Die drastischen Preiserhöhungen um 6,5 (Berlin) bis 7,2 Prozent (Hamburg), die Vattenfall Europe seinen Kunden kurz vor den Störfällen aufgebrummt hat, kommentierte Josefsson mit der Bemerkung, es sei nicht Aufgabe seines Unternehmens, "Preise nach den Wünschen der Verbraucher" zu gestalten. "Wir machen Angebote. Die Kunden müssen lernen zu sagen: ,Ich bin der König und suche mir meine Lieferanten aus.'"

Vattenfall hat in Deutschland drei Millionen Stromabnehmer. Wie viele davon Privatkunden sind, weist das Unternehmen nicht aus. Da hat die "große Offenheit" eben ihre Grenzen . . .

 

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