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Deutschland

Schüler-Filme: Hinrichtungsvideos, Pornomontagen, Prügelszenen . . .

Lehrer als Freiwild im Internet

Philologenverband fordert Politik auf, verstärkt gegen Mobbing vorzugehen. Kultusministerkonferenz sichert Hilfe zu.

Hamburg. Fast eine Minute dauert das Martyrium des Lehrers. Der knapp 50-Jährige sitzt in einem Klassenzimmer irgendwo in Deutschland. Die Schultern sind eingezogen, der Blick ist tief gesenkt. Ganz klein hat er sich gemacht. Es ist, als spüre er bereits das Unheil, das ihm droht. Ein junger Mann mit Besen läuft langsam zum Tisch. Wie eine Lanze hält er den Stiel. Dann lässt er seelenruhig den Bürstenkopf über dem Kopf des Lehrers kreisen. Wieder und wieder, bis er zuschlägt.

"Latein-Unterricht Lehrer wird gehauen mit Besen" ist nur einer von Dutzenden Lehrerfilmen aus Deutschland, die auf der Webseite "YouTube" zu sehen sind. Schüler filmen per Handy, wie Lehrer geärgert oder gequält werden, und stellen die Sequenzen ins Netz. Sie melden ihre Klassenlehrer ohne deren Wissen mit Klarnamen in Singlebörsen an, kopieren Lehrergesichter in pornografische Fotos oder montieren die Köpfe ihrer Lehrer in Hinrichtungs-Videos hinein.

"Cyber-Bullying" heißt diese neue Form des Mobbings. "Bullying" kommt aus dem Englischen und bedeutet "jemanden tyrannisieren". Mithilfe neuer Kommunikationsformen wie E-Mails, Instant Messaging, Chatrooms oder SMS werden die Personen verleumdet, bedroht und belästigt. Es sind insbesondere Jugendliche, die sich im Internet an ihren Lehrern wegen schlechter Noten oder Maßregelungen im Unterricht rächen oder Mitschüler der Lächerlichkeit preisgeben. Das Phänomen Cyber-Bullying ist nicht nur ein deutsches Problem. Auch in Großbritannien oder Australien sind Fälle bekannt.

Wie hoch die Zahl der Opfer ist, ist statistisch nicht erfasst. Seit März dieses Jahres sammeln Forscher an der Universität Lüneburg im Rahmen eines europäischen Pilotprojekts Fälle von Lehrer-Mobbing. "Teachers in bullying situations - Tibs" heißt die Teilstudie, deren Ergebnisse im März 2008 vorgestellt werden.

Der Deutsche Philologenverband (DPHV) hat jetzt die Politik aufgefordert, verstärkt gegen das Internetmobbing vorzugehen. "Wir brauchen ein Zeichen, dass der Staat hinter den Lehrern steht", sagt Heinz-Peter Meidinger vom Deutschen Philologenverband dem Abendblatt. 95 Prozent der Lehrer wüssten gar nicht, dass sie im Internet kompromittiert werden. "Finden sie es heraus, sind sie zutiefst getroffen", so Meidinger, selbst Lehrer an einem Gymnasium in Süddeutschland.

Der Verband hofft, dass erste Maßnahmen auf der Kultusministerkonferenz (KMK) beraten werden. Gefordert wird eine stärkere Aufklärung an den Schulen. Vielen Jugendlichen sei nicht bewusst, dass Internet-Mobbing strafrechtliche Konsequenzen haben kann oder die Eltern zur Zahlung von Schadenersatz verurteilt werden könnten.

Des Weiteren sollen die Webseitenbetreiber stärker Verantwortung übernehmen. "Es kann doch nicht sein, dass die komplette Verantwortung auf die User abgewälzt wird", sagt Heinz-Peter Meidinger vom Philologenverband.

Der Präsident der Kultusministerkonferenz (KMK), Berlins Bildungssenator Jürgen Zöllner (SPD), hat den Lehrern Hilfe gegen Mobbing zugesichert. "Wir lassen die Lehrer nicht allein", so Zöllner. Die Fälle aber seien zu unterschiedlich, um bundeseinheitliche Regelungen zu treffen.

 

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