Hamburg. Es gibt Talkshows, die tragen mit belanglosen Selbstdarstellungen in beängstigender Weise zum Verfall der Fernsehkultur bei. Umso mehr ragen die Ausnahmen hervor. Das erste gemeinsame TV-Interview von Altbundespräsident Richard von Weizsäcker und Altkanzler Helmut Schmidt ist so eine Perle der Unterhaltungssendung. Und weil beide Elder Statesmen Profis sind, stellten sie sich in "Menschen bei Maischberger" bald selbst die Fragen. Eine freundliche Übernahme.

Zuerst ist Sandra Maischberger noch am Zug. Ob Schmidt froh sei, nicht mehr im Amt zu sein? Antwort: "Ich wäre längst tot, wenn ich noch im Amt wäre." Das glaubt der Zuschauer aufs Wort, denn wenn Schmidt nicht raucht, nimmt er eine Prise Schnupftabak. Und Weizsäcker, ob der nun froh sei, nicht mehr im Amt zu sein? "Die politische Anteilnahme hört nicht auf. Es ist schade, dass ich nicht mehr eingreifen kann."

Dann übernimmt das Herrendoppel, 88 (Schmidt) und 87 (Weizsäcker) Jahre alt, beide in Hochform, die Moderation. Sie siezen sich, reden sich aber mit Vornamen an. "Ich habe alle Bundespräsidenten gut gekannt, aber Richard von Weizsäcker ragt deutlich heraus." Für Schmidt Schnauze ist das fast schon eine Liebeserklärung an Weizsäcker. Aber eben nur fast: "Ich glaube, das Wort Freundschaft ist zwischen uns bisher nicht gefallen." Zigarette, Schnupftabak, Zigarette, während Weizsäcker den Altkanzler als "den besten Debattenredner" würdigt.

Was folgt, ist eine im Ausmaß tollkühne Tour d'Horizon, von den Kreuzzügen über die Bevölkerungsexplosion über Hedge-Fonds und Arbeitslosigkeit bis zum möglichen Zusammenprall der Kulturen. Was beide besorgt: Heute sei eine Politikergeneration am Ruder, die keine persönliche Kriegserfahrung habe, für die Krieg aber wieder zum politischen Mittel geworden sei. "Es ist leichter, in einen Krieg zu gehen, als anständig wieder herauszugehen", sagt Schmidt. Schnupftabak, Zigarette. Nostalgie? Das natürlich auch. Alte Filmeinspielungen zeigen ein Wortgefecht zwischen Weizsäcker und dem Kabarettisten Wolfgang Neuss und Helmut Schmidt, der seine Sekretärin anpflaumt. (Schmidt auf die Frage von Maischberger, warum er oft so arrogant wirke: "Das ist einer meiner negativen Vorzüge, die mich schmücken.") Dann gibt es Bilder von Weizsäcker beim Laufen, Schwimmen und Skifahren. Schmidts "Sport-Einlagen" beschränken sich aufs Rasenmähen, was ihn zum Einspruch bewegt. Schließlich sei er bis vor sieben Jahren allein auf seiner Jolle gesegelt. Auf dem Brahmsee. Er bewundert aber Weizsäckers "körperliche Verfassung". Zigarette und noch eine Zigarette, und die Regie blendet ein: "Helmut Schmidt, Raucher seit 70 Jahren". Weizsäcker hat übrigens auch geraucht - "zuletzt im Krieg". Und betrunken war er nur einmal. Auch im Krieg - "mit Pernod".

Der beiden Kriege wegen hat Schmidt seinen Glauben an Gott verloren. "Ich würde mich heute nicht mehr auf Gott verlassen. Er hat schlimme Dinge zugelassen, er hat Auschwitz zugelassen", sagt Schmidt und verbindet das mit einer wirklichen Liebeserklärung: Persönlichen Halt gebe ihm nicht die Religion, sondern seine Frau Loki, mit der er am 27. Juni eiserne Hochzeit feiert. Das sind 65 Jahre. Weizsäcker und seine Frau Marianne, eine Hamburger Kaufmannstochter, bringen es auf 54 Ehejahre.

Und weil es sich gerade so nett parliert, verteilt Schmidt Lob - für die Außenpolitik von Kanzlerin Merkel ("Ich habe keine Hemmungen, sie zu loben, sie hat gute Arbeit gemacht.") und für Ex-Kanzler Schröder und dessen Reformagenda 2010 ("eine wichtige Weichenstellung"). Nur der Nachsatz wird Schröder kaum das Herz erwärmen: "Ich vermisse ihn nicht, denn er vermisst sich selbst nicht. Er hat sich ja komplett aus der Politik zurückgezogen, das war ein mannhafter Entschluss."