"Deutscher Herbst": Die Strafen der Schleyer-Mörder Brigitte Mohnhaupt und Christian Klar werden überprüft
Nach 24 Jahren Haft - Gnade für RAF-Terroristen?
Sie zählten zu den härtesten Kämpfern gegen den demokratischen Staat. Ihrer "Revolution" haben sie inzwischen entsagt - öffentlich Reue bekundet haben sie noch nicht.
Hamburg. "Deutscher Herbst" - das klingt nach Novalis und Eichendorff, nach anmutig welkender "blauer Blume" und blätterraschelnder Biedermeier-Romantik. Doch der "Deutsche Herbst" war ein ausgesprochen unromantisches Intermezzo der Geschichte, gewalttätig, blutig, mit harten Fronten.
Das historische Etikett bezeichnet das Schicksalsjahr 1977 und seine besondere, aufgeladene Atmosphäre, die spektakulären Anschläge der "Roten Armee Fraktion", kurz RAF genannt, und die Reaktion des deutschen Staates. Die "Blütezeit" des deutschen Linksterrorismus, wenn man dies so nennen darf, war recht kurz und ist inzwischen im Bewusstsein der Bürger fast völlig überlagert worden von der aktuellen Bedrohung durch al-Qaida und seine globalen Metastasen. Die ehemaligen Aktivisten der RAF sind entweder tot oder in Haft, die Jahrzehnte haben den Mantel des Vergessens über den "Deutschen Herbst" gebreitet.
Doch in diesen Tagen kommt unser Land nicht umhin, sich mit dem RAF-Terrorismus noch einmal zu befassen und dabei über Schuld und Sühne nachzudenken. Denn möglicherweise steht demnächst die Entlassung von zwei der vier letzten noch einsitzenden RAF-Terroristen an - von Christian Klar und Brigitte Mohnhaupt. Die beiden ehemaligen Symbolfiguren des roten Terrors sind mit 54 (Klar) und 57 Jahren (Mohnhaupt) mittlerweile im Frühherbst ihres Lebens und nunmehr seit 24 Jahren in Haft.
Für Mohnhaupt, die im bayerischen Aichach einsitzt, steht am 22. dieses Monats ein Anhörungstermin beim 5. Strafsenat des Stuttgarter Oberlandesgerichts an. Die Richter werden zu prüfen haben, ob die damals verhängte "besondere Schwere der Schuld" eine Aussetzung zur Bewährung noch immer verhindert. Und Klar kann auf Begnadigung durch den Bundespräsidenten hoffen. Horst Köhler, so heißt es, liege der Fall außerordentlich am Herzen.
Nicht jeder in der Bundesrepublik, vor allem wohl viele Zeitzeugen des "Deutschen Herbstes", sehen die Bemühungen um Strafaussetzung mit Wohlwollen.
Ganz sicher eine weißhaarige alte Dame nicht. Waltrude Schleyer ist die Witwe eines der Opfer der RAF, des damaligen Arbeitgeberpräsidenten Hanns-Martin Schleyer. Sie appelliert eindringlich an Köhler, das Gnadengesuch abzulehnen. Gegenüber der "Bild"-Zeitung sagte sie: "Lasst den Mörder meines Mannes nicht frei. Bis heute haben wir kein Wort der Entschuldigung von Christian Klar gehört." Der Terrorist bereue gar nichts.
Was hätten Klar und Mohnhaupt denn zu bereuen? Allerhand, so viel ist sicher. Mohnhaupt, als Scheidungskind bei der Mutter aufgewachsen und ehemalige Studentin der Philosophie in München, hatte sich um 1971 der RAF angeschlossen und entwickelte sich bald zur Terror-Logistikerin, Rädelsführerin - und Mörderin. Sie beschaffte die Waffen, mit denen am 30. Juli 1977 in Oberursel der angesehene Bankier Jürgen Ponto, Vorstandschef der Dresdner Bank, ermordet wurde. Fünf der tödlichen Schüsse auf ihn soll sie eigenhändig abgefeuert haben.
Mohnhaupt wurde im Mai 1978 in Jugoslawien verhaftet, aber nicht an Deutschland ausgeliefert, sondern freigelassen. Der Staatssozialismus in Belgrad betrachtete den Kampf der linken RAF mit verhaltener Sympathie. Das ermöglichte Brigitte Mohnhaupt, im September 1981 noch ein Attentat auf den US-General Frederik Kroesen in Heidelberg mitzuverüben. Kroesen überlebte, Mohnhaupt wurde gefasst und erhielt fünfmal lebenslänglich.
Ihr Spießgeselle Christian Klar, ebenfalls Philosophiestudent und aus erzbürgerlicher Familie stammend - der Vater war Vizepräsident am Oberschulamt in Karlsruhe -, war ebenfalls an den Schleyer- und Ponto-Attentaten beteiligt sowie am Mord an Generalbundesanwalt Siegfried Buback im April 1977.
Es war glühender revolutionärer Eifer, der die beiden jungen Studenten wie eine Infektion erfasste und am Ende zu kaltblütigen Mördern werden ließ. Die um 1970 entstandene RAF, nach ihren Gründerfiguren Andreas Baader und Gudrun Ensslin zunächst auch Baader-Meinhof-Bande genannt, reflektierte die gesellschaftlichen und politischen Widersprüche jener Zeit, fing auch das Unbehagen über das Vorgehen der USA im Vietnam-Krieg auf - und gerierte sich dann in einer grotesken Übersprunghandlung zur linken "Stadtguerilla", die nach dem Vorbild der Tupamaro-Rebellen in Uruguay mit Gewalt die Befreiung des vermeintlich unterdrückten Volkes einläuten wollte.
Dass deren Namensgeber ein absolutistischer Inka-Herrscher war, der nach gescheitertem Aufstand von den Spaniern schmählich gefangen und hingerichtet wurde, focht die RAF ebenso wenig an wie die Tatsache, dass ihr Wappen - die Initialen RAF vor einem Roten Stern - statt einer kommunistischen Kalaschnikow eine kapitalistische MP 5 von Heckler und Koch zeigte.
Niemals schwamm die RAF gesellschaftspolitisch "wie Fische im Wasser", was ihr Vorbild Mao Tsetung immerhin lange konnte. Schon erste Aktionen wie Kaufhaus-Brandstiftungen, Banküberfälle, Diebstähle und wirre Verlautbarungen zeigten den Charakter der Gruppe. Zwar gab es unter Salon-Sozialisten viele Claqueure, doch selbst eine Ikone der Linken wie Rudi Dutschke geißelte schon 1974, "die negativen Auswirkungen der RAF-Scheiße sind vielerorts erkennbar". Und der existenzialistische Star-Philosoph Jean-Paul Sartre, beileibe kein Feind des Kommunismus, meinte nach einem Besuch Baaders im Gefängnis Stammheim, der RAF-Mann sei einfach "ein Arschloch".
Die Mitglieder der RAF lebten in einer Blase, ohne nennenswerten Rückhalt in der Bevölkerung, getrieben von diffusem Hass auf "das System", geleitet von einer wirren Ideologie, die sich flickenartig aus Elementen des chinesischen und sowjetischen Kommunismus sowie südamerikanischer Befreiungsbewegungen zusammensetzte. Bei Thorwald Proll, einem RAF-Mann der ersten Stunde, fand die Polizei ein Notizbuch mit lyrikartigen Einträgen, in denen es unter anderem hieß: "Wann fällt das Brandenburger Tor . . ., wann fällt der Bamberger Reiter . . ., wann zerbricht der Kölner Dom . . . ?" Der Hass auf das "System" wurde zur Besessenheit, erfasste blindwütig auch allerlei hehre Kulturgüter.
Die teilweise harte Reaktion des Staatsapparates mit Rasterfahndungen und der Verschärfung der Terror-Gesetzgebung bestärkte die RAF in ihrem Glauben, einen faschistoiden Apparat bekämpfen zu müssen - mit allen Mitteln. Konnte die erste Generation der RAF mit Baader und Ensslin noch auf vereinzelten Beifall linker Schwärmer rechnen, so isolierte sich die zweite Generation mit Mohnhaupt, Klar und anderen rasch durch ihre eiskalten Mordattacken.
Und einer von ihnen feuerte drei Kugeln in den Hinterkopf des gefesselten Hanns-Martin Schleyer, nachdem die GSG 9 in Mogadischu die Entführung der Lufthansa-Maschine "Landshut" durch palästinensische RAF-Sympathisanten gewaltsam beendet hatte. Mit der Schleyer-Entführung und der Geiselnahme der "Landshut"-Passagiere hatte die erste RAF-Generation aus der Haft freigepresst werden sollen.
Ihrer letzten Hoffnung beraubt, brachten sich Baader, Ensslin und ihr Kamerad Jan Carl Raspe um. Verschwörungstheorien, sie seien ermordet worden, sind allerdings nie verstummt.
Mit der Zerschlagung der dritten Generation, die bis zu 250 Personen umfasst haben soll und etliche Morde beging, endete in den 90er-Jahren die blutige Historie der RAF. Am 20. April 1998 ging beim Bundeskriminalamt in Wiesbaden eine Erklärung der Selbstauflösung ein.
35 Menschen hat die RAF insgesamt getötet. Nun steht also eine mögliche Begnadigung von zwei ihrer härtesten Kämpfer an. Gewiss hat Waltrude Schleyer recht: Christian Klar, ehemals ein besonders kalter und gewalttätiger RAF-Mann, hat nie Reue gezeigt, allerdings erkennen lassen, dass der revolutionäre Kampf für ihn beendet sei.
Und Brigitte Mohnhaupt? Sie hat sich in der Haft "gut geführt", wie es heißt, allerdings jedes Zugeständnis an den immer noch verhassten Staat abgelehnt. Gesellschaft und Justiz haben nun die Frage zu beantworten, ob 24 Jahre Haft genug der Sühne sind. Und ob noch eine Gefahr von den Alt-Terroristen ausgeht.
Ob man einem Mann wie Christian Klar allerdings gleich ein Theaterpraktikum in Aussicht stellen muss, wie dies der Berliner Regisseur Claus Peymann getan hat, ist eine andere Frage.




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