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Deutschland

"Wir müssen vom Öl unabhängiger werden"

HAMBURG. Um in der Energieversorgung unabhängiger von Russland zu werden, braucht Deutschland ein neues Energiekonzept, bei dem regenerative Quellen eine größere Rolle spielen als heute. Das forderte gestern Claudia Kemfert, Leiterin der Abteilung Energie, Verkehr und Umwelt beim Deutschen Institut für Wirtschaftsforschung (DIW) in Berlin, im Abendblatt-Interview.

ABENDBLATT: Frau Kemfert, die Blockade der russischen Pipeline hat eine neue Diskussion um die Energiepolitik entfacht. Was muss sich ändern?

KEMFERT: Wir müssen uns vom Öl unabhängiger machen. In der Vergangenheit ist es leider versäumt worden, eine Weg-vom-Öl-Strategie vernünftig umzusetzen. Die Folgen spüren wir jetzt.

ABENDBLATT: Was muss zuerst getan werden?

KEMFERT: Wir brauchen einen neuen Energiemix, bei dem die regenerativen Energieträger wie Wind, Wasser, Sonne, Erdwärme oder Biomasse eine viel größere Rolle spielen als heute. Regenerative Quellen sollten in den nächsten fünf Jahren um 20 Prozent wachsen. Zudem müssen wir noch mehr Energie einsparen. Die Spirale - Wachstum bedeutet gleich mehr Energieverbrauch - muss durchbrochen werden. Ganz wichtig ist, dass wir noch mehr Anstrengungen unternehmen, um Alternativen fürs Heizen zu entwickeln. Beim Auto muss künftig verstärkt auf neue Techniken wie Brennstoffzellen oder Hybridmotor gesetzt werden.

ABENDBLATT: Das braucht Zeit.

KEMFERT: Deshalb müssen wir parallel schon jetzt damit beginnen, unsere Abhängigkeit vom russischen Öl und Gas zu verringern. Heute kommt gut ein Drittel des Öls aus Russland und rund 40 Prozent des Gases. Gerade Gas sollte man künftig verstärkt von Lieferanten aus anderen Ländern kaufen.

ABENDBLATT: Welche Rolle spielt die Kernkraft künftig?

KEMFERT: Eine Bemerkung vorweg: Kernkraft kann Öl nicht ersetzen. Kernkraftwerke dienen zur Stromversorgung. 28 Prozent des in Deutschland produzierten Stromes stammt derzeit noch aus der Kernenergie. Öl wird vorwiegend zum Heizen und als Autoantrieb eingesetzt.

ABENDBLATT: Dennoch keimt jetzt wieder die Diskussion um längere Laufzeiten für die deutschen Atomkraftwerke auf.

KEMFERT: Unsere Zukunft liegt in einer CO

2-freien Energieversorgung. Neben einer Erhöhung des Anteils regenerativer Energien brauchen wir eine neue Generation von Kohlekraftwerken, die kein Kohlendioxid ausstoßen. An dieser Technik arbeiten die großen Energieversorger bereits. Aber wir brauchen noch einige Jahre Zeit. Um diese Zeit zu überbrücken, ist es sinnvoll, Kernkraftwerke, die technisch einwandfrei sind, länger am Netz zu lassen.Interview: Daniela Stürmlinger

 

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