29.12.06

Erziehung: Werden Mädchen bevorzugt? Familienministerin Ursula von der Leyen im Gespräch

"Jungen brauchen Väter!"

Foto: Bodig
Familienministerin Ursula von der Leyen (CDU) im Gespräch mit dem Abendblatt.

ABENDBLATT: Frau von der Leyen, sie sind Mutter von fünf Mädchen und zwei Jungen. Wie unterscheiden die sich im Lernverhalten?

URSULA VON DER LEYEN: Der Zugang zu den Themen ist verschieden. Mädchen beispielsweise interessieren sich sehr für Tiere. Ein Röntgengerät, mit dem man Pferdehufe röntgen kann, ist da ein attraktiver Zugang zur Technik. Ein Junge interessiert sich eher dafür, wie ein Automotor funktioniert. Umgekehrt haben Jungen aber auch eine selbstverständliche Begabung für sogenannte "weibliche" Themen: Meine Söhne übernehmen anstandslos Babysitterverantwortung. Sie können gut für kleinere Kinder sorgen, sie spielen aber anders. Die Barbies müssen dann schon mal einen Vulkanausbruch mitmachen. Beide Geschlechter haben also Anlagen für Fürsorge und Technik, aber man muss jeweils die richtigen Schlüssel finden, um ihre Neugierde zu wecken.

ABENDBLATT: Wenn wir uns aber Deutschland insgesamt ansehen, zeichnen die Statistiken ein eher düsteres Bild für Jungen. Was läuft falsch?

VON DER LEYEN: Die junge Generation zeigt insgesamt einen hohen Bildungszuwachs. Nur profitieren Mädchen inzwischen mehr davon als Jungen. Dabei spielt sicher eine Rolle, dass wir in der Vergangenheit Mädchen spezifisch gefördert haben. Zugleich haben wir aber übersehen, dass Jungen in einer sich verändernden Welt neue Vorbilder brauchen. Das kann der Erzieher oder Lehrer sein. Noch wichtiger aber ist ein im Alltag präsenter Vater.

ABENDBLATT: Welche Jungen haben es besonders schwer?

VON DER LEYEN: Laut Shell-Jugendstudie und Pisa empfindet sich ein kleiner Teil der Jugendlichen als abgehängte Generation, als Verlierer. Da sind Jungen überproportional häufig vertreten, und besonders solche mit Migrationshintergrund. Auf ihre Ohnmachtsgefühle reagieren sie mit stark tradierten Verhaltensweisen - machohaftem Verhalten, Geringschätzung der Frau, extreme religiöse Vorstellungen. Solche Verhaltensweisen verschließen aber in unserer modernen Gesellschaft alle Türen.

Aus der Gruppe der sozial schwachen, bildungsfernen Familien mit Migrationshintergrund besucht jedes fünfte Kind nie den Kindergarten. Da muss es nicht wundern, wenn jeder zweite türkische Junge auf der Hauptschule landet und davon wiederum jeder zweite den Berufsanschluss nicht schafft. Es ist eine Kette verpasster Chancen, den Weg in unsere Gesellschaft zu finden. Hier könnte man vieles besser machen.

ABENDBLATT: Wie genau stellen Sie sich das vor?

VON DER LEYEN: Es fängt an mit dem Kindergartenbesuch - die deutsche Sprache und Freundschaften mit anderen Kindern bauen die Brücke zu einem erfolgreichen Schulstart. Wir brauchen zudem mehr Erzieher und Lehrer mit Migrationshintergrund, die als Bindeglied zwischen den beiden Welten agieren. Ausbaufähig ist auch das Modell des Bildungspaten, in dem gut integrierte Menschen mit Migrationshintergrund sich dieser Kinder annehmen. Solche Menschen kennen die Zwiespälte, in denen die Kinder stecken.

Jungen mit Migrationshintergrund haben oft viele negative Lernerfahrungen. Dabei hat jedes Kind Stärken! Sie sind oft nur verdeckt unter einer dicken Schicht aus Versagensängsten, gesellschaftlichen Unzulänglichkeiten, Aggressionen, Vorbehalten und Verschlossenheit - und müssen entdeckt und gefördert werden. Mein Ministerium hat in dieser Richtung mehrere Projekte initiiert. Gleichzeitig müssen sich aber auch die Kindergärten und Schulen stärker öffnen und aktiv die Mitarbeit der Eltern einfordern.

ABENDBLATT: Was können die Eltern tun?

VON DER LEYEN: Der Vater ist als Vorbild prägend. Er sollte gewaltfrei erziehen, seine Frau und Töchter achten und seinen Sohn bestätigen. Es ist wichtig, dass die deutsche Sprache und Bildung in der Familie als hohes Gut für alle angesehen werden. Während die ältere Einwanderergeneration noch ohne Ausbildung in Deutschland Geld verdienen konnte, steht diese Möglichkeit den jungen Leuten heute nicht mehr zur Verfügung. Und natürlich müssen die jungen Menschen die Grundwerte unserer Kultur anerkennen. So müssen die jungen Männer lernen, von Lehrerinnen unterrichtet zu werden und diese als Autoritätspersonen zu akzeptieren - als erster Schritt hin zu einer Anerkennung des anderen Geschlechts als gleichberechtigt

ABENDBLATT: Brauchen wir mehr Männer als Lehrer? Und sollten die auch Schwächen zeigen?

VON DER LEYEN: Gefühle zu zeigen ist keine Schwäche, sondern eine besondere Kompetenz! Sicher wäre es gut, wenn mehr männliche Lehrer als positive Rollenmodelle da wären. Und von diesen sollten wir genauso wie von Lehrerinnen erwarten, dass sie einfühlsam, zugewandt und rücksichtsvoll sind, dass sie Autorität und Durchsetzungsvermögen haben.

ABENDBLATT: Können wir es uns überhaupt leisten, Jungen nicht in ihren Anlagen zu fördern?

VON DER LEYEN: Es gibt in Deutschland zwei gegenläufige Entwicklungen die uns beide schaden. Erstens nehmen wir zu wenig Rücksicht auf die Bedürfnisse der Jungen - mit der Folge, dass heute mehr Mädchen als Jungen Abitur machen und zügig und erfolgreich ein Studium absolvieren.

Den zweiten Fehler machen wir, wenn wir junge Frauen um die 30 daran hindern, dass sie ihre Fähigkeiten ausschöpfen. In dem Moment nämlich, wo ein Kind geboren wird, bricht ihre Karriere massiv ein, die Zahl der Frauen in Führungspositionen sackt ab auf 25 Prozent. Beides ist eine Katastrophe für eine alternde Gesellschaft, denn wir brauchen die intellektuellen und emotionalen Kompetenzen von Männern und Frauen. Wir werden die anstehenden Fürsorgeaufgaben zum Beispiel für die ältere Generation nur bewältigen können, wenn auch Jungen und Männer daran teilnehmen. Eine moderne Gesellschaft, die Familienwerte erhalten will, muss dafür sorgen, dass Männer und Frauen gleichermaßen Verantwortung für Fürsorge und Einkommen tragen.

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