Potsdamer wollen Zeichen setzen
Ausländerfeindlichkeit: Der Angriff auf Deutsch-Äthiopier. "Was läuft in unserer Gesellschaft falsch?" fragt Oberbürgermeister Jakobs. Jeder müsse hinschauen.
Berlin. Die Potsdamer wollten am Freitag ein Zeichen setzen. Etwa 4000 versammelten sich am Abend, um für ein friedliches Miteinander zu demonstrieren. Der am Ostersonntag brutal zusammengeschlagene Deutsch-Äthiopier Ermyas M. (37) rang unterdessen im Potsdamer Ernst-von-Bergmann-Klinikum noch immer mit dem Tod.
"Wir bekunden unsere Bestürzung und unser Entsetzen", sagte Oberbürgermeister Jann Jakobs bei der Kundgebung. "Der brutale Überfall hat uns fassungslos und wütend gemacht." Die alltäglichen Ausgrenzungen, Beleidigungen und Bedrohungen, von denen Bürger anderer Hautfarbe berichteten, "dürfen wir nicht akzeptieren", sagte Jakobs. Den Angehörigen gehöre das Mitgefühl und die Solidarität der Bürger.
Jakobs unterstrich, die Tat bedeute einen Angriff auf das Selbstverständnis der Potsdamer. Bei den Tätern handele es sich um eine kleine Minderheit. "Aber das ist kein Trost. Wir müssen uns fragen: Was läuft in unserer Gesellschaft falsch." Jeder einzelne müsse hinschauen, reagieren und dazwischen gehen. Den am Vortag gestarteten Protestaufruf "Wir sind Brandenburg" unterschrieb Literaturnobelpreisträger Günter Grass als 2000. Unterzeichner. Die Familie des Opfers ließ ein Schreiben verlesen, in dem sie erklärte: "Das schreckliche Verbrechen an Ermyas ist ein Verbrechen an der Menschlichkeit." Der Doktorvater des Deutsch-Äthiopiers forderte die Menschen auf, bei Angriffen und Pöbeleien einzugreifen, wo auch immer sie geschähen.
Während die beiden mutmaßlichen Schläger, denen Mordversuch an Ermyas M. vorgeworfen wird, bei der Bundesanwaltschaft in Kalrsruhe stundenlang verhört wurden, entwickelte sich ein Streit über die Hintergründe.
Brandenburgs Innenminister Jörg Schönbohm gab sich zurückhaltend mit seinen Aussagen zu den Motiven der Täter. "Es wird ein Zusammenhang zwischen einer Gewaltstraftat und einer fremdenfeindlichen Straftat vermutet. Ob das stimmt, wird sich herausstellen", sagte der CDU-Politiker am Freitag in Potsdam. Schönbohm räumte zwar ein, daß es in Brandenburg zuviel Ausländerfeindlichkeit und Gewaltbereitschaft gebe, bezweifelte aber, daß die Lage so dramatisch ist, daß der Generalbundesanwalt wegen einer Gefahr für die innere Sicherheit die Ermittlungen an sich ziehen mußte.
Generalbundesanwalt Kay Nehm reagierte gereizt. Er sagte, "daß die Äußerungen von Innenministern nicht unbedingt hilfreich sind für die Ermittlungen". Zudem seien sie auch "kein Maßstab". Zuvor hatte auch Bundesinnenminister Wolfgang Schäuble (CDU) mit seiner Äußerung: "Es werden auch blonde, blauäugige Menschen Opfer von Gewalttaten, zum Teil sogar von Tätern, die möglicherweise nicht die deutsche Staatsangehörigkeit haben", heftige Kritik geerntet.
Nehm stützte sich bei seiner Einschätzung insbesondere auf die Tatumstände, wie seine Sprecherin Frauke Scheuten sagte, und die durch einen Zufall aufgezeichneten Stimmen der Täter. Diese hatten "Scheiß-Nigger" gerufen, als sie den Deutsch-Äthiopier verprügelten.
Die Bundesanwaltschaft habe die Ermittlungen an sich gezogen, weil sie Vergleiche mit ähnlichen Fällen in den vergangenen Jahren sehe, sagte Nehm. Die Behörde hatte auch beim tödlichen Überfall auf einen 39 Jahre alten Mosambikaner in Dessau (Sachsen-Anhalt) im Jahr 2000 und beim versuchten Mord an zwei Vietnamesen im August 1999 in Eggesin (Mecklenburg-Vorpommern) ermittelt. "Ich war der Meinung, daß die Dinge so parallel liegen und man das nicht hinnehmen konnte", sagte Nehm.



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