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Deutschland

In der Hauptstadt rivalisieren viele ethnische Gruppen

Vor allem die palästinensischen Flüchtlinge müssen ständig mit Ausweisung rechnen. "Wie soll man da den Sinn von Schule vermitteln?"

Hamburg. Deutschland ist - auch wenn politisch lange nicht so wahrgenommen - ein Einwanderungsland. 31 Millionen Menschen reisten von 1954 bis zur Jahrtausendwende zu. Etwa 200 000 pro Jahr blieben auf Dauer.

Insgesamt sind es heute etwa 7,3 Millionen. In absoluten Zahlen waren nach der aktuellen Statistik von 2003 Nordrhein-Westfalen (134 792), Niedersachsen (131 202) und Bayern (127 161) die beliebtesten Ziele der Einwanderer, umgerechnet auf 1000 Einwohner aber kamen die meisten Ausländer nach Hamburg und Berlin.

Sie kommen als Arbeitnehmer mit festen Verträgen, als Familienangehörige, Spätaussiedler, Asylbewerber oder Flüchtlinge, um eine befristete Aufenthaltserlaubnis oder ein unbefristetes Aufenthaltsrecht zu erlangen. Daß 2003 die Zahl der Zuzüge erstmals unter 800 000 fiel, läßt sich vor allem mit der stark rückläufigen Zuwanderung von Asylbwerbern (von 438 000 im Jahr 1992 auf 43 000 im Jahr 2005) und Spätaussiedlern (397 073 im Jahr 1990 auf 35 500 im Jahr 2005) erklären.

Die größte Gruppe der Ausländer sind nach wie vor die Türken mit 1,88 Millionen, gefolgt von Italienern und Serben. Seit Jahren werden mit Sorgen die Abschottungstendenzen der verschiedenen ethnischen, außereuropäischen Gruppen beobachtet. Wie schnell das auch in Gewalt unter und von Jugendlichen umschlagen kann, läßt sich in Berlin nicht nur an der Rütli-Schule im Bezirk Neukölln, sondern auch in der erst kürzlich vorgelegten Kriminalstatistik ablesen. Die Gewaltkriminalität ausländischer Jugendlicher sei "überproportional hoch", heißt es darin. Während 2005 unter jungen Berlinern insgesamt fast jeder achte mit der Polizei in Konflikt geriet, war es unter den jungen Ausländern jeder dritte.

Auch vor Angriffen auf Polizisten schreckten die Jugendlichen oft nicht zurück, sagt der Chef der Gewerkschaft der Polizei (GdP), Konrad Freiberg. Er warnt vor allem vor libanesischen Großfamilien, die auch in Verbänden von 200 Mitgliedern in Berlin lebten und sich nicht nur gesellschaftlich abschotten, sondern heftig im kriminellen Milieu mitmischen. In der Statistik tauchen sie unter den ausländischen Verdächtigen in Berlin an dritter Stelle auf. Cliquenbildungen an Schulen sind unvermeidlich.

Der Ausländerbeauftragte von Berlin, Günter Piening, warnt allerdings davor, die ausländischen Schüler in "gute Gruppen und schlechte Gruppen" zu teilen. "Das hat wenig mit der Realität zu tun", sagte er dem Abendblatt. Er weist auf ein ganz anderes Problem der Schule hin. In Berlin lebt bundesweit die größte Gruppe palästinensischer Flüchtlinge. Sie haben allerdings kein sicheres Aufenthaltsrecht, sondern nur eine Duldung.

Danach müssen sie, obwohl oft schon seit Jahren in Deutschland, jederzeit mit Ausweisung rechnen und haben nur ein sehr eingeschränktes Recht zu arbeiten. Eine Ausbildung bleibt den Schulabgängern verwehrt. Das mache es den Lehrern - auch denen der Rütli-Schule - äußerst schwer, den Sinn von Schule zu vermitteln, sagt Piening. Perspektivlosigkeit führe zu Verweigerung und Gewalt. "Die Botschaft der Ereignisse an der Rütli-Schule muß auch sein: Schafft die Kettenduldung ab." Bundesinnenminister Wolfgang Schäuble (CDU) hatte bereits vor Wochen angekündigt, für die 193 000 Geduldeten bundesweit bis zum Sommer eine Lösung finden zu wollen.

Dennoch ist Piening der Meinung, daß die Rütli-Schule in Berlin mit all ihren Problemen "nicht der Normalfall" ist. Er selbst hat die Schule öfter besucht und ist nie zuvor auf ein "so ausgebranntes Kollegium" gestoßen. Da müßten auch kritische Fragen an die Schulverwaltung gestellt werden, ob auf die Mißstände nicht zu spät reagiert worden ist. Wie an anderen problematischen Schulen auch, hätte in dieser Situation Unterstützung von außen geholt werden müssen. "Doch eines ist klar", sagt Piening, "auf Grund der Versäumnisse in der Vergangenheit brauchen wir einen langen Atem."

 

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