Lehrer und Eltern müssen sich bei der Erziehung ergänzen
Ansichtssache
Hamburg. "Scheißlehrer!" Bernd\* (14) aus der H8 ist sauer. Die Lehrerin schaut ihn verdutzt an. Sie weiß nicht, worum es geht. Auf ihre Ansprache reagiert Bernd mit "Lecken Sie mich doch am Arsch!" und stürmt aus dem Verwaltungstrakt. Sie holt ihn auf dem Schulhof ein und hält ihn an seiner Kapuze fest. Auf ihre Frage, was denn los sei, dreht sich Bernd um. Er hebt er die Fäuste und schreit, sie solle ihn nicht anfassen. Die Pädagogin dringt nicht zu ihm durch. Also teilt sie dem kräftigen Jungen so ruhig wie möglich mit, er habe einen Termin beim Schulleiter. "Hab ich nicht", brüllt Bernd - und geht. Den Grund für Bernds Ärger erfährt die Lehrerin später. Er hatte bei einer Prügelei verloren, die Lehrerin war nur Blitzableiter.
Kinder wie Bernd haben im Elternhaus nie Achtung erfahren. Sie halten Beschimpfungen für normal. Sie zögern nicht zuzuschlagen, weil sie gewohnt sind, geschlagen zu werden. Respekt vor Erwachsenen haben sie nicht, weil ihnen die Vorbilder fehlen. Besonders in Haupt- und Gesamtschulen mit hohem Ausländeranteil wächst das Gewaltpotential. In Hamburg sind aber bisher nur wenige Fälle bekannt, bei denen sich dieses gegen die Lehrer wandte. Meist richten sich Angriffe gegen Mitschüler. Es braucht keinen Grund, um eine Schlägerei anzuzetteln. "Du siehst doch voll psycho aus in diesen Klamotten. Kauft deine Mutter dir die bei Aldi?" reicht als Provokation.
In manchen Schulklassen sind Unterrichtsinhalte nicht mehr vermittelbar, Sekundärtugenden wie Pünktlichkeit oder Disziplin nicht vorhanden. Störer machen den Unterricht kaputt. Der Krankenstand der Lehrer ist an diesen Schulen entsprechend hoch. Niemand hält solche Arbeitsbedingungen lange aus. Auch viele Eltern resignieren. Durch das Leben gebeutelt, schließen sie die Augen vor schlechtem Umgang, Diebstahl, Drogen, Schlägereien und der Schule.
Die Umstände der Rütli- Hauptschule in Berlin-Neukölln lassen sich jedoch nicht auf Hamburg übertragen. An vielen Schulen mit hohem Migrantenanteil gibt es hier Programme, um solchen Schwierigkeiten zu begegnen. Sprachliche Frühförderung sorgt dafür, daß ausländische Schüler dem Unterricht besser folgen können. An manchen Schulen, wie Slomannstieg, haben auch die Mütter der Schüler Gelegenheit, Sprachunterricht zu erhalten. Elterncafes wie in Billstedt bieten die Möglichkeit zu Gesprächen. Verstehen und mitreden können öffnet ausländischen Eltern den Weg zum Engagement in ihrer Schule.
Nur wenn Lehrer und Eltern sich bei der Erziehung der Kinder ergänzen und an einem Strang ziehen, kann Schule gut funktionieren. Das erfordert zum Teil eine neue Werteerziehung. Multikulturelles Zusammenleben kann in einem Staat und somit auch an Schulen langfristig nur dann gelingen, wenn alle am Fortbestehen der bestmöglichen Bedingungen interessiert sind. Eltern und Kindern muß das Lernen etwas wert sein.
In Hamburg gibt es an vielen Schulen inzwischen Praxislerntage. Hauptschüler der 8. und 9. Klassen verbringen neben zwei Kompaktpraktika ein halbes Jahr lang einen Tag pro Woche in einem Betrieb. Auch das "Hamburger Hauptschulmodell", eine äußerst erfolgreiche Kooperation von Schule, Arbeitsagentur und Betrieben, erhöht für viele Schüler die Chance auf Ausbildungsplätze.



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