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Deutschland

Klinik-Ärzte haben die Nase voll

Protest: Sie arbeiten viel und verdienen bescheiden. 1300 Euro netto bei 50 Stunden Dienst - die Mediziner der Charité-Klinik gehen auf die Straße. Das könnte Schule machen.

Hamburg. Martin Köhnlein, einer von 2300 Ärzten des Berliner Charite-Klinikums, hat eine halbe Stelle mit 20 Stunden pro Woche. Um alles zu schaffen, arbeitet er aber 50 bis 60 Stunden pro Woche - Nachtdienste, Stationsdienste, Studentenbetreuung. Sein Lohn: 1300 Euro netto pro Monat. Köhnlein hat jetzt die Nase voll. Wie Hunderte seiner Kollegen.

Weil die Leitung der Charite der Forderung der Ärztegewerkschaft Marburger Bund (MB) nicht nachkommen wollte, einen neuen Tarifvertrag mit 30 Prozent mehr Gehalt und bessere Arbeitsbedingungen auszuhandeln, streiken bis Ende der Woche erstmals seit 1972 wieder Klinikärzte. Die "unzumutbaren Arbeitsbedingungen" könnten nicht länger akzeptiert werden. Allein am Berliner Klinikum, so der MB, würden pro Monat 85 000 unbezahlte Überstunden geleistet.

Das Beispiel Charite könnte schon bald bundesweit Schule machen. Der MB hat angedroht, die Streiks ab 13. Dezember auf die 700 Krankenhäuser von Städten und Kreisen auszuweiten. MB-Vorsitzender Frank-Ulrich Montgomery bereitet Patienten für diesen Fall auf große Einschränkungen vor. "Die Bequemlichkeit wird erheblich leiden", sagte Montgomery. "Alles, was nicht unbedingt sofort behandelt werden muß, wird auf spätere Termine verschoben werden."

Montgomery betont jedoch, daß Hamburg von solchen Ausständen nicht betroffen sei. "Hamburger Krankenhäuser sind nicht im kommunalen Arbeitgeberverband organisiert", sagt der MB-Chef. "Wir befinden uns dort bereits in hoffnungsvollen Verhandlungen über neue Tarifvereinbarungen."

Mit der Vereinigung kommunaler Arbeitgeberverbände (VKA), die Verhandlungspartner für die Kommunal-Kliniken ist, scheint derzeit jedoch kein Dialog möglich. Der MB versucht seit Wochen, für alle rund 2200 deutschen Kliniken eigene Tarifverträge für Ärzte auszuhandeln. Die Steigerung des Grundgehalts um 30 Prozent soll auch Verluste ausgleichen, die mit einer vorgeschriebenen Verringerung der Arbeitszeit einhergehen. Das war Folge eines Urteils des EU-Gerichtshofs im Jahr 2003 zu Arbeitszeiten.

Mit den Ländern verhandelt der Verband bereits, während die kommunalen Arbeitgeber Gespräche über derart hohe Steigerungen als sinnlos ablehnen. Montgomery forderte die VKA deshalb erneut nachdrücklich auf, ihre Weigerungshaltung aufzugeben und Tarifverhandlungen zu beginnen. "Die Situation ist schon grotesk", schimpft der MB-Chef. "Jetzt bleibt nur das Mittel des Streiks, um die VKA zum Umdenken zu bewegen."

VKA-Hauptgeschäftsführer Manfred Hoffmann weist die Vorwürfe zurück. "Die Ärzte haben mit uns im September eine Tarifeinigung mit der Gewerkschaft Ver.di ausgehandelt. Die sollten sie jetzt gefälligst umsetzen." Dieser Tarif sieht 4,4 Prozent mehr Gehalt vor. Für Montgomery ist dieser Tarif nichts wert: "Ver.di vertritt bundesweit 1000 Ärzte. Wir aber mehr als 80 000. Der VKA muß mit uns reden."

 

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