Das Ende von Milch und Honig
Kommentar: Koalitionsvertrag unterschrieben
Als die Hartz-Kommission im August 2002 ihre Vorschläge zur Bekämpfung der Arbeitslosigkeit präsentierte, wählte sie als Ort der Verkündung nicht irgendeinen Verwaltungsbau in Berlin. Nein, es mußte gleich der imposante Französische Dom am Gendarmenmarkt sein, dem prächtigsten Platz der Stadt.
Zwei Monate später, als Rot-Grün nach überraschender Wiederwahl den Koalitionsvertrag unterzeichnete, wurde wieder dick aufgetragen. Da zelebrierten sich die Partner in der Neuen Nationalgalerie, jenem lichten Tempel aus Glas, den der berühmte Architekt Mies van der Rohe in den 60er Jahren geschaffen hat.
"Ham 'set nich 'ne Nummer kleener?" fragen in solchen Momenten gern Berliner, die mit gesunder Skepsis ganz gut gegen Großspurigkeit und Wichtigtuerei gewappnet sind. Am Freitag ging es "'ne Nummer kleener".
Die Großkoalitionäre von Union und SPD unterzeichneten ihren Koalitionsvertrag ohne Pomp und Aufschneiderei eher unspektakulär im Paul-Löbe-Haus, einem nüchternen Bau, der zum Gebäude-Ensemble des Bundestages gehört. Der dezente Rahmen und das bescheidene Zeremoniell formten sich aber zu einer eingängigen Botschaft, die gut zum Koalitionsvertrag paßt.
Darin wird weder das Blaue vom Himmel versprochen, noch enthält er den Bauplan für ein neues Luftschloß. Die fetten Jahre sind - jedenfalls vorläufig - wirklich vorbei. Diese ebenso ernüchternde wie ehrliche Erkenntnis liegt dem Koalitionsvertrag zugrunde. Er verspricht nicht Milch und Honig, sondern allerlei Zumutungen für viele, damit es am Ende möglichst allen wieder bessergeht. Eine üppige Party hätte zu solch karger Verheißung schlecht gepaßt. Auch insofern war das Zeremoniell ehrlich. Im übrigen: Politik als Inszenierung hatten wir zur Genüge. Politik, einfach mal gut gemacht, das wäre ein echter Fortschritt.



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