Schleswig-Holstein siebt am stärksten
Gymnasien: Nur 4,6 Prozent der Oberschüler im Norden kommen aus der Unterschicht
Kiel. Die schleswig-holsteinischen Gymnasiasten sind eine Klasse für sich. Die 15jährigen Oberschüler können laut der neuen Pisa-Ergebnisse besser rechnen und schneller lesen als ihre Mitschüler in den anderen norddeutschen Ländern. Das "Spitzenergebnis", das Schulministerin Ute Erdsiek-Rave (SPD) gestern in Kiel vorstellte, hat allerdings eine fragwürdige Kehrseite. Die 100 Gymnasien im Land erhalten insbesondere deshalb gute Noten, weil sie exklusiver und elitärer sind als alle anderen höheren Lehranstalten in Deutschland.
In den schleswig-holsteinischen Abi-Schmieden darf nur jeder vierte Schüler (25,2 Prozent) des untersuchten Jahrgangs 1988 lernen. In Hamburg (33,4) und Bremen (34,5) büffelt jeder dritte für die Hochschulreife. Und selbst in Bayern (26,3) sitzen mehr und damit auch schlechtere Schüler in den Gymnasien. Damit nicht genug: Auch bei der sozialen Herkunft der Pennäler hält Schleswig-Holstein einen traurigen Rekord. Gerade mal 4,6 Prozent der Gymnasiasten kommen aus der untersten Sozialschicht.
Die strenge quantitative wie qualitative Auslese an den schleswig-holsteinischen Gymnasien ist kein Zufall, sondern hat System. Die Lehranstalten wurden von der CDU bis 1988 zu leistungsorientierten Vorzeigeschulen für eine kleine Oberschicht ausgebaut und konnten viele Privilegien in den SPD-Regierungsjahren verteidigen. Ministerin Erdsiek-Rave will jetzt auf einem Umweg dafür sorgen, daß die höheren Lehranstalten sich stärker um schwächere Schüler kümmern müssen. Vom nächsten Schuljahr sollen Gymnasien ab Klasse sieben keine Kinder mehr in die Realschule abschieben dürfen.
Solche Schrägversetzungen nach unten sind bisher Schulalltag und sorgen dafür, daß Schleswig-Holsteins Gymnasien in der Studie einen weiteren unrühmlichen Spitzenplatz belegen. Fast jeder vierte 15jährige Gymnasiast mußte schon mal eine Klasse wiederholen. Schwacher Trost: Die Quote der Sitzenbleiber ist an den Realschulen (42,7 Prozent) noch höher. Schlußlicht - auch bundesweit - sind die Hauptschulen in Schleswig-Holstein. Dort haben drei von vier Schülern eine "verzögerte" Schullaufbahn, meist durch Ehrenrunden. Einige wurden vom Gymnasium über die Realschule zur Hauptschule durchgereicht.
Diese Einbahnstraße, die in Schleswig-Holstein besonders ausgeprägt ist, beschert nicht nur dem Gymnasium gute Pisa-Noten, sondern auch den Realschulen. Ein Teil ihrer Schüler würden in anderen Ländern ein Gymnasium besuchen. Auf den entscheidenden Haken wies Erdsiek-Rave hin. Ein starres Schulsystem, das Problemschüler aussiebt, statt zu fördern, schöpft die Bildungsreserven nicht aus und produziert damit zuwenig qualifizierte Abiturienten.
Im Vergleich der Küstenländer- Gymnasien liegt beim Lesen Schleswig-Holstein (SH, 585 Punkte) vor Niedersachsen (NI, 578), Hamburg (HH, 576), Mecklenburg-Vorpommern (MV, 569) und Bremen (HB, 564). Spitzenreiter ist Bayern (593). In Mathematik liegt SH (591) vor MV (590), NI (588), HH (570) und HB, (562). Erster ist Bayern (613).



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