Hans-Jürgen Wischnewski: Einer der profiliertesten Nahost-Kenner der deutschen Politik starb im Alter von 82 Jahren.

Köln. Ein dramatisches Ereignis hat Hans-Jürgen Wischnewski, der gestern mit 82 Jahren in einer Kölner Klinik an den Folgen eines Infekts gestorben ist, weltweit unvergessen gemacht: Die Flugzeugentführung von Mogadischu im Herbst 1977. Bei der Befreiung von 86 Geiseln aus der Lufthansa-Maschine "Landshut" in Somalia spielte der nervenstarke SPD-Politiker hinter den Kulissen die Schlüsselrolle. Im Hochsicherheitstrakt von Stuttgart-Stammheim setzten Mitglieder der Roten Armee Fraktion auf das Palästinenser-Kommando. "Eines war klar: Wir wollten niemals die Terroristen in Stammheim freilassen", sagte Wischnewski im Rückblick.

Wischnewski handelte damals als Staatsminister im Kanzleramt im Auftrag von Kanzler Helmut Schmidt (SPD), dessen Amt bei der gewagten Aktion mit der GSG 9 auf dem Spiel stand. "Ich hatte mich auch selbst im Austausch für die Geiseln angeboten." Kurz nach der Geisel-Befreiung übermittelte er Schmidt die erlösende Nachricht am Telefon: "Herr Bundeskanzler, die Arbeit ist erledigt."

Wischnewski war der unerschrockene Mann für heikle Missionen. Das trug ihm Beinamen wie "Bonner 007" oder "Feuerwehrmann der Nation" ein. Neben diplomatischem Geschick und politischem Gespür konnte er auf zahllose Kontakte bauen.

Den Spitznamen "Ben Wisch", den ihm Bundeskanzler und SPD-Chef Willy Brandt gegeben hatte, trug er mit Stolz. Er hatte ihn seinen guten Drähten zur arabischen Welt zu verdanken, die er schon Ende der 50er Jahre gepflegt hatte. Damals verwaltete er von seiner Kölner Heimat aus während des algerischen Unabhängigkeitskrieges gegen Frankreich die "Kriegskasse" der Befreiungsbewegung FLN.

Geboren wurde Wischnewski am 24. Juli 1922 als Sohn eines Zollbeamten aus Gelsenkirchen im ostpreußischen Allenstein. Nach dem Krieg war er Metallarbeiter und Gewerkschaftssekretär der IG Metall in Köln. 1947 trat er in die SPD ein. Er war Bundesgeschäftsführer, Schatzmeister ("Ben Scheck") und stellvertretender Vorsitzender.

Auch nach seiner Zeit als Staatsminister im Kanzleramt (1976 bis 1982) reiste Wischnewski zu Krisenherden. 1986 trug er zur Freilassung von Deutschen bei, die von Regierungsgegnern in Nicaragua entführt worden waren. Ein Jahr zuvor hatte er erfolgreich mit den Kidnappern der Tochter des Staatspräsidenten von El Salvador verhandelt. Einen Deutschen befreite er später aus den Fängen des irakischen Diktators Saddam Hussein.

Wischnewski galt als treuer Gefolgsmann Helmut Schmidts. 1982 gehörte er zu den 14 Genossen um Schmidt, die für die Stationierung neuer US-Atomraketen in Deutschland stimmte. "Er hatte Instinkt, war politisch und menschlich zuverlässig und hat mir immer seine Meinung gesagt", sagte Schmidt beim 80. Geburtstag seines Weggefährten.

Der Vater dreier Kinder war bis ins hohe Alter rege. Selbst für die geliebte Briefmarkensammlung blieb wenig Zeit. Libyens Revolutionsführer Muammar el Gaddafi warnte den Raucher vor einem Jahr bei einem Besuch in Tripolis: "Natürlich können Sie in meinem Zelt rauchen. Aber ich muß Sie darauf aufmerksam machen: Rauchen ist ungesund."dpa