Ossis und Wessis kommen sich näher
Umfrage: Soziologe ist überzeugt: Spätestens in 15 Jahren wird es keine eigene Ost-Identität mehr geben
Hamburg. Reinhard Liebscher kann es nicht mehr hören. "Es kann keine Rede davon sein, daß die Ostdeutschen gerne die Mauer wiederhaben wollen", schimpft der Geschäftsführer des Sozialwissenschaftlichen Forschungszentrums Berlin-Brandenburg (SFZ). "Und daß sie die Demokratie nicht annehmen wollen, ist auch Unsinn." Seit dem Fall der Mauer vor nun bald 15 Jahren (9. November 1989) befrage sein Institut jährlich die Ostdeutschen über ihre Erwartungen und Befindlichkeiten. "Und bei der Mauer-Frage ist der Wert seit Jahren der gleiche: Nur rund 13 Prozent hätten sie gerne wieder", sagt Liebscher. "Auch die Anerkennung der gesellschaftlichen Grundordnung ist nach wie vor ungebrochen."
Auch in der neuesten Umfrage zur Einheit, die gestern vorgestellt wurde, seien diese Werte wieder bestätigt worden. Mehr noch: Liebscher erwartet sogar, daß das dritte gern gepflegte Vorurteil - der tiefe Graben zwischen Ost- und Westdeutschen - bald ganz verschwinden wird. Spätestens in 15 Jahren, prophezeit der Berliner Soziologe, werde sich die derzeitige spezifische Ost-Identität aufgelöst haben. "Dann wird die große Mehrheit der Ostdeutschen eine einheitliche gesamtdeutsche Identität aufweisen", sagt Liebscher. "Es ist nur noch eine Frage der Zeit, bis sich die Einstellungen der Ost- und Westdeutschen angeglichen haben werden."
Genährt wird diese Prognose durch den Befund der Studie, daß mit geringerem Alter auch die Unterschiede in den Einstellungen zwischen Ost- und Westdeutschen immer geringer würden. "Irgendwann in den nächsten Jahren wird die Einstellung dieser jungen Deutschen die große Mehrheit darstellen." Merkmale der Ost-Identität sind laut Liebscher die große Bedeutung von Werten wie Zusammengehörigkeit (88 Prozent der Befragten bezeichneten das als wichtig oder sehr wichtig), soziale Sicherheit (96 Prozent) und Gerechtigkeit (94 Prozent).
Dies sind auch die Bereiche, bei denen die Einheitsbilanz der Ostdeutschen dann am deutlichsten negativ ausfällt. Gemessen an den Erwartungen in diesen Bereichen, die die Ostdeutschen 1989 formulierten, sehen sich heute 71 Prozent bei der sozialen Sicherheit enttäuscht, 70 Prozent bei Gerechtigkeit und 59 Prozent bei Solidarität. Insgesamt erklärten je ein Drittel der Befragten, die Einheit hätte ihnen mehr Gewinn als Verlust, mehr Verlust als Gewinn sowie beides gleichermaßen gebracht.
45 Prozent der Ostdeutschen sind jedoch mit ihrem Leben insgesamt zufrieden, nur 17 Prozent sind unzufrieden. Die Zukunftserwartungen freilich lassen, wie es Liebscher formuliert, "gravierende Befürchtungen" erkennen. 81 Prozent erwarten, daß sich das Lohn-Preis-Gefüge verschlechtern wird, 56 Prozent glauben, ihre eigene wirtschaftliche Situtation werde sich verschlechtern, und gar 75 Prozent sind der Ansicht, sie werden kaum mehr Chancen haben, einen Job zu bekommen. Zudem glaubt fast die Hälfte (41 Prozent) wie Bundespräsident Horst Köhler, daß sich die Lebensverhältnisse im Osten nicht mehr denen im Westen angleichen werden.



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