10.09.12Start des Buches "Jenseits des Protokolls"
DJV sieht bei Bettina Wulff Verdacht einer PR-Kampagne
Journalistenverband findet es diskussionswürdig, dass sich die frühere First Lady erst weit nach dem Rücktritt ihres Mannes zu Gerüchten äußert.
Von abendblatt.de
Foto: dpa/DPA
Das ursprünglich für November angekündigte Bettina-Wulff-Buch "Jenseits des Protokolls" war schon am Montag in vielen Buchläden - wie hier in München - erhältlich
Berlin/Hannover.
Der Vorsitzende des Deutschen Journalisten-Verbandes (DJV), Michael Konken, hat die Verbreitung von Gerüchten über das
"angebliche Vorleben"
der Frau des ehemaligen Bundespräsidenten Christian Wulff kritisiert. Zugleich erklärte er am Montag in einer Pressemitteilung, es sei diskussionswürdig, dass Bettina Wulff ihre Persönlichkeitsrechte erst über ein halbes Jahr nach dem Rücktritt ihres Mannes gegenüber zahlreichen Medien geltend mache. "Der zeitgleiche Verkaufsstart ihres Buches nährt den Verdacht einer PR-Kampagne mit dem Ziel, Aufmerksamkeit zu erregen", meinte Konken.
Er erinnerte Journalisten an die Sorgfaltspflicht: "Gerüchte können immer nur der Auslöser von Recherchen mit offenem Ausgang sein. Wenn sie sich nicht erhärten lassen, haben Gerüchte in der Berichterstattung nichts verloren." Daran ändere auch die Tatsache nichts, dass Christian Wulff in einem Fernsehinterview im Januar von sich aus und ungefragt auf Gerüchte über das Privatleben seiner Frau hingewiesen habe.
Bettina Wulffs Buch schon am Montag auf dem Markt
Unterdessen ist das ursprünglich erst für November angekündigte Buch von Bettina Wulff "Jenseits des Protokolls" am Montag bereits in vielen Buchhandlungen erhältlich gewesen. Die frühere First Lady berichtet darin unter anderem über die Wochen vor dem Rücktritt ihres Mannes Christian Wulff vom Amt des Bundespräsidenten: "Jeden Tag die Zeitung aufzuschlagen, das Radio oder den Fernseher anzuschalten und dort irgendetwas Negatives über sich zu hören, das zehrte mächtig an den Nerven."
+++ Kommentar: Der Kampf um die Ehre +++
Unter der Überschrift "Die Gerüchte" geht Bettina Wulff auch auf die Behauptungen ein, sie habe vor ihrer Ehe im Rotlicht-Milieu gearbeitet. Gegen diese Gerüchte ist sie inzwischen gerichtlich vorgegangen. In dem gut 200 Seiten starken Buch heißt es: "Obwohl ich mich sonst bestimmt für eine starke Frau halte, die so schnell nichts aus der Bahn wirft, habe ich darüber in den Jahren so viel geheult - ich frage mich: Warum? Warum machen die das mit mir?"
Mit Material von dpa und dapd
Prof. Dr. Dieter Lenzen, Präsident der Universität Hamburg, sagt: "In der Angelegenheit geht es um zwei Dinge. Um das, was wirklich geschehen ist, und darum, wie kommuniziert worden ist. Die gewählte Kommunikationsform eines Kurzinterviews war nicht geeignet, die Wahrheit aufzuklären. Offenbar sind neue Fragen wie die nach der Absicht des Anrufs beim 'Bild'-Chefredakteur hinzugekommen. Insofern warten wir weiter auf eine finale Aufklärung über die Wahrheit."
Sky Du Mont, Schauspieler und Buchautor: "Das Interview fand ich ganz bemerkenswert: Wie der gute Mann nur von sich spricht und sich keiner Schuld bewusst ist! Herr Wulff beschädigt das Amt und die Politik. Das Dilemma ist ja, dass die Menschen ohnehin nicht zu Wahlen gehen, weil sie den Politikern Kungeleien vorwerfen. Und hier ist der oberste Mann im Staat, der nicht seinen Hut nimmt und stattdessen so tut, als habe er nichts falsch gemacht. Er hat die Unwahrheit gesagt. Er wusste doch, dass Herr Geerkens sein Vermögen seiner Ehefrau überschrieben hatte. Es ist skandalös. Er sollte schleunigst zurücktreten."
Michael Bräuninger, Konjunkturchef beim Hamburgischen WeltWirtschaftsInstitut: "Ich finde die Einschätzung von Herrn Wulff sehr schwierig. Seine Ausführungen fand ich so weit überzeugend, und wenn es dabei bliebe, könnte er aus meiner Sicht im Amt bleiben. Problematisch wird es, wenn er seine Aussagen jetzt schon wieder korrigieren muss."
Michael Pfad, Chef des Eishockeyklubs Hamburg Freezers: "Insgesamt hat Bundespräsident Christian Wulff für mich deutlich an Glaubwürdigkeit eingebüßt. Er hat Maßstäbe, die er an andere anlegt, für sich selbst nicht eingehalten. Das lässt sich auch nicht durch mangelnde Lebenserfahrung entschuldigen. Da hilft auch nicht so ein TV-Interview. Es ärgert mich, dass er in dem Gespräch nur ausgewichen ist und sich nur in Allgemeinsätzen geäußert hat. Anstatt zu sagen: Ich habe dem Amt des Bundespräsidenten nicht gutgetan, sagte er: Man hat dem Amt des Bundespräsidenten nicht gutgetan. Das zeigt, dass er immer noch nicht verstanden hat, worum es geht. Vom großen Rückhalt in der Bevölkerung ist bei mir im Bekannten- und Freundeskreis nicht mehr viel zu spüren."
Prof. Dr. Edda Müller, Vorsitzende der Anti-Korruptions-Organisation Transparency Deutschland: "Christian Wulff muss sich fragen lassen, ob er das Amt des Bundespräsidenten mit der gebotenen Autorität weiter ausüben kann. Ein Bundespräsident darf nicht dem Eindruck vieler Menschen Nahrung geben, wonach für 'die da oben' andere Regeln zum Beispiel bei der Kreditbeschaffung gelten. Ob es Wulff jetzt gelingt, das Land weiter voranzubringen, wie er es selbst formuliert, ist auch nach seiner Erklärung fraglich. Es ist zweifelhaft, ob er wirklich verstanden und gelernt hat oder sich nach wie vor als Opfer sieht. Eine echte Nachdenklichkeit und Einsicht wäre notwendig, um der Würde des Amtes gerecht zu werden. Wenn sich die Kette der Halbwahrheiten im TV-Interview fortgesetzt hätte, hat er keine weitere Chance verdient."
Dr. Reiner Brüggestrat, Vorstandssprecher der Hamburger Volksbank: "Ich halte Christian Wulff für den falschen Präsidenten. Als Banker würde ich von einem Spitzenpolitiker erwarten, dass er eine private Hausfinanzierung seriös über seine Hausbank abwickelt. Mit seinem fragwürdigen Krisenmanagement und dem wenig glaubwürdigen Auftreten in dem TV-Interview macht er alles nur noch schlimmer."
Thomas Hoyer, Mitinhaber der Hamburger Speditionsgruppe Hoyer: "Ich bin einfach nur entsetzt. Christian Wulff ist ein Präsident ohne Würde. Er kann jetzt zurücktreten oder seine Präsidentschaft in Agonie versanden lassen. Mit jedem Wort in dem Fernsehinterview hat er die Situation noch peinlicher gemacht."
Bianca König, Geschäftsführerin der Agentur für Kommunikation Neue Monarchie: "Als Kommunikationsexpertin finde ich Wulffs Verhalten regelrecht unsouverän. Wulff hat definitiv zu lange gewartet, um die Frage nach der Kreditherkunft wahrheitsgetreu zu klären. Wer so lange abwartet, gibt das Ruder aus der Hand und kann nur noch reagieren. ,Besonnenheit' geht anders. Da fragt man sich, ob alle Berater schon in den Weihnachtsferien waren. Die Opferrolle einzunehmen, um den Kopf aus der Schlinge zu ziehen, entspricht nicht meiner Vorstellung vom Bundespräsidenten. Aber das ist ja anscheinend der neueste Trend. Zu Guttenberg war ja schließlich auch junger Vater und mit dem politischen Amt zu beschäftigt."
Stefan Orth, Präsident des FC St. Pauli: "Es war kein Befreiungsschlag. Wulffs Verhalten ist eines Bundespräsidenten nicht würdig. Ich finde ihn nicht charismatisch und charakterlos."