Einigung mit Ach und Krach
Grabenkämpfe: Merkel setzt nach massivem Streit mit Merz und Koch Köhler als Präsidentenkandidaten durch.
Berlin. In schönster Eintracht saßen sie gestern Mittag Punkt zwölf im Saal der Bundespressekonferenz und strahlten um die Wette - Guido Westerwelle, Edmund Stoiber und zwischen beiden Angela Merkel wie ein Weltkind in der Mitte. "All das, was ich mir vorgenommen habe, habe ich eingehalten", schwärmte die CDU-Chefin von sich selbst begeistert und setzte voll Überschwang hinzu: "Ich bin sehr stolz, dass uns unter diesen komplizierten Bedingungen dies so gelungen ist."
"Dies" - das war die Verständigung auf Horst Köhler als Kandidat für das Amt des Bundespräsidenten, die das Spitzentrio der Opposition gemeinsam erläuterte. CSU-Chef Stoiber, von der Hin- und Herfliegerei zwischen Berlin und München und dem harten Verhandlungspoker bis tief in die Nächte hinein sichtlich etwas mitgenommen, lauschte Merkels Worten voller Wohlwollen. Morgens hatten die beiden noch in diversen Zeitungen lesen können, sie hätten sich am Vortag in Merkels Bundestags-Büro so lautstark angegiftet, dass das Gekeife noch auf dem Flur zu hören gewesen sei.
Das bestritt der Bayer nun energisch. "Erst mal brülle ich nie und zweitens mit Sicherheit nicht im kleinen Kreis", behauptete grinsend Stoiber, der für Temperamentsausbrüche sehr wohl bekannt ist. Merkel lächelte milde dazu, während links von ihr Freidemokrat Westerwelle unentwegt für die Fotografen sein sonnigstes Gesicht aufsetzte und dreinschaute wie ein Primaner nach bestandenem Abitur. War doch die FDP endlich mal wieder wichtig.
Alle drei redeten nacheinander so großspurig drauflos, als hätten sie mit Bravour eine Großtat vollbracht. Wortreich wandten sie sich gegen den Eindruck, der Personalpoker sei doch sehr chaotisch verlaufen und von denkbar schlechtem Management geprägt gewesen. Immerhin gestand Stoiber ein, die Willensbildung von drei Parteien sei "immer ein sehr komplexer Vorgang". Wie komplex er ist, dass hatten die drei Parteivorsitzenden am Mittwochabend besonders eindrucksvoll erleben können. Da tagten die Präsidien der drei Parteien getrennt in Berlin und in München. Die Vorsitzenden wollten sich gegen zehn Uhr abends zusammentelefonieren. Zunächst war die Hoffnung groß, dass dann, nach zwei Beratungsstunden "weißer Rauch aufsteigen" würde - ein gemeinsamer Personalvorschlag also perfekt wäre.
Doch wer so dachte und hoffte, der hatte die CDU nicht auf der Rechnung gehabt - erst recht nicht den Hessen Roland Koch. Wie ein Wüterich fiel der am Abend im Adenauerhaus zu Berlin ein und spuckte vor der Sitzung und vor laufenden Kameras Gift und Galle. "Ein schöner Tag ist das ganz sicher nicht." Er sei "absolut unzufrieden". Das Verfahren sei "chaotisch", wetterte der Hesse und verschwand im Sitzungssaal. Dort wütete er hinter verschlossenen Türen in harten Worten weiter. "Der hat richtig randaliert", berichtete hinterher einer aus der Union.
Der von Rachegelüsten getriebene Fraktions-Vize Friedrich Merz stieß ins gleiche Horn wie Koch. Die beiden Poltergeister wetterten gegen das Scheitern der Kandidatur Wolfgang Schäubles. Die hätte man viel früher und viel offensiver vertreten müssen. Den beiden ging es darum, Merkel Versagen anzulasten, falscher und zu milder Umgang mit der FDP vor allem. Drinnen gehe es um die "Führungsfrage", wurde draußen vor der Tür gewispert. Bei der CSU und auch der FDP sprach sich derweil wie ein Lauffeuer herum, dass bei der CDU "die Hütte brennt".
Die Schaltkonferenz um zehn Uhr brachte keinerlei Ergebnis. Christsoziale wie Liberale hatten längst alles Wesentliche miteinander beredet und warteten nun auf den Ausgang des Familienkrachs bei den Christdemokraten.
Klar war zu diesem Zeitpunkt immerhin, dass die FDP nicht mehr mit einem eigenen Kandidaten ins Rennen gehen wollte. Entspannt gesellte sich bei den Liberalen gegen Mitternacht der vorher als denkbarer Bewerber gehandelte Fraktionschef Wolfgang Gerhardt zu den Journalisten im Parterre. Er wolle sich nur mal zeigen, um zu dokumentieren, dass die Präsidiumssitzung bei der FDP "gewaltfrei" verlaufe, witzelte Gerhardt unter Anspielung auf die Zänkereien bei der CDU.
Längst war aus den Reihen von CSU und FDP durchgesickert, dass der Favorit auf die Rau-Nachfolge Horst Köhler war. Doch die CDU-Spitze war vor lauter Streit um Schäuble noch zu keiner Positionierung fähig.
Gegen ein Uhr strebten die liberalen Präsidenten halb genervt und halb amüsiert nach Hause. Westerwelle musste Nachtwache halten und auf Kunde aus der CDU warten. Kurz vor zwei in der Nacht war es dann so weit. Die Einigung auf Köhler war perfekt.
Und sie war, da herrschte im politischen Berlin Einigkeit, ein Sieg für Merkel. Schäubles Scheitern wurde weniger ihr angelastet als Westerwelle und Stoiber. Ihre Widersacher - Koch und Merz allen voran - können ihr also nach übereinstimmender Auffassung in der Union nicht am Zeuge flicken. Denn Merkel hat überdies einen CDU-Kandidaten durchgesetzt, an dessen Wahl keiner zweifelt. Die harsche Kritik am chaotischen Verfahren lässt nicht nur die Merkelianer kalt. Unisono bekundeten etliche Bundestagsabgeordnete gestern früh gelassen: "Das ist doch in zwei Wochen vergessen."




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